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Steve Williams: Bis aufs Blut

Steve Williams mag keine Kompromisse. Wenn er was macht, dann mit vollem Einsatz. Sei es zu Hause in Neuseeland oder wie zuletzt wieder an der Tasche von Adam Scott. Nachdem Williams auch schon Caddie von Tiger Woods und Greg Norman war, kann er einiges erzählen!

Adam Scott hatte gerade das US-Masters 2013 gewonnen, und wir waren auf der Fahrt zurück zu dem Haus, das wir in Augusta gemietet hatten. Da hatte ich eine Eingebung, die mir sagte: „Es ist Zeit für eine Pause.“ Keine Ahnung, woher diese innere Stimme kam, aber sie war da. Lag es daran, dass ich das Rugby-Training meines Sohns Jett zu Hause in Neuseeland viel zu häufig verpasst hatte? Er ist gerade mal neun Jahre alt. Oder waren es die 20 oder mehr Flüge aus den USA nach Neuseeland und zurück, von denen jeder mindestens 13 Stunden dauerte? Die paar Wochen, in denen meine Frau Kristy und mein Sohn bei mir in den USA sein konnten, waren jedenfalls nicht genug. Am Ende gewinnt die innere Stimme immer! Auch, wenn es noch bis zum vergangenen Jahr dauerte, war schon 2013 in Augusta klar, dass ich Adam verlassen würde.

Nicht so klar war, dass ich dann doch viel schneller wieder ins Geschäft eingestiegen bin als ich ursprünglich gedacht hatte. Aber als in diesem Frühjahr die Anfrage von Adam kam, ihn ab der US Open im Juni wieder zu begleiten, konnte ich nicht anders als zusagen.

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  Steve Williams war bei 13 von Tigers 14 Major-Siegen an dessen Seite; dieses Foto zeigt beide nach Woods’ Triumph bei der British Open 2006.


Steve Williams war bei 13 von Tigers 14 Major-Siegen an dessen Seite; dieses Foto zeigt beide nach Woods’ Triumph bei der British Open 2006.

Trotz all meiner Jahre mit Tiger habe ich nie jemanden gesehen, der so gut Golf spielte, wie es Phil Mickelson auf den ersten neun Bahnen der letzten Runde beim Masters 2009 gelang. Tiger war ebenfalls gut in Form, und beide im selben Flight. Die besten Spieler ihrer Zeit trieben sich gegenseitig zur Höchstleistungen an und machten die Fans verrückt. Phil schaffte sechs Birdies, stellte mit nur 30 Schlägen den Rekord für die ersten neun Löcher ein. Tiger gelang ein Birdie auf der zweiten Bahn und ein Eagle auf der achten. Beide hatten engen Kontakt zur Spitze, und ich war echt gespannt, wie es weitergehen würde, als wir den 10. Abschlag erreicht hatten.

Dann aber war ganz plötzlich die Luft raus. Phil schlug auf der 12 ins Wasser, und Tiger beendete seine Runde mit zwei Bogeys. Am Ende gewann Angel Cabrera. Dieses Finale war ein wunderbares Beispiel, was im Golf passieren kann, und wie häufig sich die Frage stellt, was gewesen wäre, wenn…

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Es gibt einen Caddie, der immer wieder versucht hat, mich bei Tiger auszubremsen. Dabei gibt es ein ungeschriebenes Gesetz unter uns, dass man genau das nicht macht! Tiger erzählte mir davon, weil er meinte, ich sollte davon wissen. Es versteht sich von selbst, dass ich mir den Caddie gegriffen und ihm einiges erzählt habe; unter anderem, wie unprofessionell sein Verhalten war. Der Typ schien überrascht. Wohl über zwei Dinge: Dass Tiger mir davon erzählt hatte, und dass ich ihm so deutlich meine Meinung gesagt habe.

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Tiger hat so viele Drohungen erhalten, von denen die Öffentlichkeit niemals erfuhr. Fast jede Woche, und das über Jahre. Die PGA-Tour setzte zusätzliche Bodyguards ein, die mir manchmal von den Briefen, E-Mails und Telefonaten erzählten, die hereingekommen waren. So oder so war es immer ein extremes Gedränge und Geschubse, wenn Tiger Autogramme gab; die Zahl der Kinder, die da über den Haufen gelaufen wurden, ist erschütternd. Zumal es professionelle Autogramm-Sammler gab, die diese Kinder immer wieder auf Tiger ansetzten.

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Tiger sagte es über die Jahre immer wieder: „Ich möchte meinen Schwung nicht nur gemietet haben, ich möchte ihn besitzen.“ Keiner, den ich in meinen 35 Jahren auf der Tour gesehen habe, hat das so hart und intensiv versucht wie Tiger. Er war besessen davon, besser zu werden. Die Ironie ist: Dadurch, dass Tiger in den letzten Jahren so häufig den Schwung- Coach wechselte, lernte er ganz verschiedene Schwünge, anstatt den einen, seinen eigenen, zu perfektionieren.

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War Tiger zu der Zeit besser, als Butch Harmon sein Coach war, oder anschließend unter Hank Haney? Kann ich nicht sagen. Bei Butch war Tigers Kurzes Spiel besser, besonders die Wedges. Als er zu Hank wechselte, sah es so aus, als seien seine Hölzer und langen Eisen besser geworden. Sein Putten, Chippen und die Fähigkeit, sich aus schwierigen Lagen zu befreien, war bei beiden gleich gut..

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Tiger ist ein Mann der klaren Brüche und Entscheidungen. Wenn er eine Beziehung beendet, sei es mit Butch, Hank oder auch mir, dann ist es aber so was von zu Ende. Das Gute an einer so klaren Trennung ist, dass man sich keine Gedanken darüber machen muss, was hätte sein können oder sollen… Das Negative? Gibt es nicht, wenn man es zu Ende denkt! Zumal ich auch jemand bin, der seine Entscheidungen durchzieht. Nachdem ich mich als Caddie zwischendurch zurückgezogen hatte, kam ich mir vor wie in einem komplett neuen Leben. Ich hatte in der Zeit wirklich kom-plett mit dem Spiel abgeschlossen, auch keine Turniere im Fernsehen verfolgt.