Die Caddie-Legende von Palmas Promi-Hügel

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Die Caddie-Legende von Palmas Promi-Hügel

 

Vom Mandelpflücker als Schüler zur Golfinstitution auf Mallorca: Eustaquio Lorite ist einer der wenigen, die die Anfänge des Golfsports auf der Hauptinsel der Balearen erlebten und bis heute dabei sind. Wer etwas über die mallorquinische Golfgeschichte wissen möchte, muss den kultigen Caddie-Master von Son Vida aufsuchen.

 

 

1964 wurde der erste Golfplatz auf Mallorca, Golf Son Vida, eröffnet und damit die Basis für den Golftourismus auf der Insel gelegt – auch wenn damals, in der Zeit der Franco-Diktatur, natürlich niemals abzusehen war, welch große Ausmaße dieser Sport auf der Insel erreichen würde. Wie auch? Golf galt vor über 50 Jahren als höchst elitärer Sport und nur wer das nötige Geld und die Zeit hatte, spielte. Auf Mallorca war das eine sehr überschaubare Zahl. »60 bis 70 Mitglieder hatten wir damals«, sagt Eustaquio Lorite. Und keiner weiß es so genau, wie er. Eustaquio kennt die Keimzelle des Golfspiels auf der Insel nahezu von Beginn an und ist bis heute da. Fast 50 Jahre arbeitet der 63-Jährige inzwischen auf der Anlage und ist somit das wandelnde »Golfgeschichtsbuch« der Insel.

 

Neben den Mitgliedern spielten zu Beginn ansonsten nur die wenigen Touristen, die im noblen Castillo Hotel oberhalb Palmas ihre Ferien verbrachten. »Engländer und vor allem Amerikaner«, berichtet er. Bälle, Tees und Caps waren echte Raritäten, und wer einmal Golfschläger erworben hatte, spielte die für sein ganzes Leben, erinnert er sich lebhaft. 25 Peseten kostete eine Runde, und wer wie Eustaquio am Golfplatz arbeitete, hoffte vor allem darauf, dass »sein Mitglied« täglich zur Runde erschien, denn jeder Caddie war zu jenen Zeiten einem Mitglied zugeteilt. Oder aber man trug die Tasche von Gästen. Umgerechnet 50 Cent je Bag wurden pro Runde bezahlt. Die Jungs nahmen gerne zwei, ja manchmal sogar vier Taschen mit.

 

Begonnen hatte alles für den jungen Eustaquio im Jahr 1967. Damals war er zehn und erntete mit seinem älteren Bruder Mandeln auf den nahegelegenen Hügeln, um sich etwas Taschengeld zu verdienen. Große Sprünge waren jedoch nicht zu machen: Gut zwei Euro Verdienst in der Woche wären dies heute. Als sein Bruder auf die Golfer aufmerksam wurde, beschlossen die beiden, sich 1967 als Taschenträger im Club anzudienen, doch Eustaquio musste erst einmal warten. Er sei zu jung. Ein Jahr später konnte er jedoch loslegen –und bis zum heutigen Tage ist er auf Son Vida bzw. den nun drei Plätzen von Arabella Golf Mallorca beschäftigt. Und jeder, der dort einmal eine Runde auf Son Quint, Son Muntaner oder Son Vida gespielt hat, dürfte ihm begegnet sein.

 

Seit 1973 arbeitet er als Caddie-Master in Son Vida und hat den Club nie verlassen. Obwohl ihm andere Möglichkeiten offenstanden. Nicht unbedingt als Caddie, denn zu jener Zeit gab es mit dem 1967 eröffneten Platz im weit entfernten Son Servera bis 1977 nur einen weiteren Kurs auf Mallorca. Aber der vitale, immer freundliche Clubveteran hätte auch als Golflehrer arbeiten können. Denn selbstredend spielt Eustaquio richtig gutes Golf, auch heute noch.

Dabei war sein Start richtig holprig – und seine Geschichte klingt wie eine, die man von den Karrieren bekannter spanischer Golfer aus vergangenen Zeiten gehört hat. Um es abzukürzen: Der Linkshänder spielte einst mit nur einem Schläger, den er geschenkt bekommen hatte. Alles heimlich, denn Caddies war es verboten, den Schläger zu schwingen. Eines Tages verschwand der Schläger, und von nun an konnte Eustaquio nur noch rechtshändig spielen. Seiner Leidenschaft und seinem Eifer tat das keinen Abbruch, und als er einem frustrierten Mitglied nach dessen zahlreichen erfolglosen Versuchen zeigte, wie man einen Ball sicher aus dem Bunker bekommt, war er dank Mundpropaganda ein gefragter Mann. Offiziell als Caddie – und heimlich als Golflehrer.

 

Seine Reputation im Club wuchs, und als in Son Vida ein neuer Caddie-Master gesucht wurde (»… mein Vorgänger trank viel zu viel Alkohol«), kam er im September vor 47 Jahren als Teenager zu dem Posten, den er noch heute einnimmt. Statt eines Taschengeldes gab es für den Jungen aus Son Rapinya nun ein geregeltes Einkommen. Umgerechnet rund 20 Euro betrug sein Monatseinkommen damals, einen freien Tag gab es indes nicht.

 

Aber das störte den Golfbegeisterten nicht, vielmehr gab’s noch einen weiteren Pluspunkt mit dem neuen Job: Er konnte quasi jeden Tag mit »seinem« Mitglied eine Runde Golf spielen! Und er hatte die Möglichkeit, zusätzlich noch als Caddie zu arbeiten. So verdiente er schon in jungen Jahren recht ordentlich. »Manchmal«, so sagt er, »haben mein Bruder und ich mehr Geld nach Hause gebracht als unser Vater, der im Hotel arbeitete.«

 

Das deutlich gestiegene Einkommen, sein Interesse an allem, was mit Golf zu tun hat, der Kontakt mit den Mitgliedern und Gästen machte ihm immer Spaß, und so gab’s für ihn nie einen Grund, einen anderen Beruf zu wählen oder aber die Golfanlage zu wechseln. Auch wenn sich im Laufe der Jahre die Arbeit natürlich veränderte und auch das Leben im Club. Ende der 70er, Anfang der 80er des vergangenen Jahrhunderts verschwanden die Caddies, und Trolleys wurden zum Transport der Bags verwendet.

 

Die Arbeit heutzutage sei sehr professionell, es gebe nichts, über das man sich beschweren könne, meint er. Doch wenn man ihn auf die vergangenen Zeiten anspricht, erinnert er sich mit Wehmut daran, dass es für alle Golfer eine Selbstverständlichkeit war, ins Clubhaus zu gehen, einen Drink (auch einen weiteren) zu nehmen und sich mit anderen Spielern auszutauschen. Jetzt blieben die Menschen unter sich, selbst bei Turnieren wolle man nur noch mit Freunden oder aber den Partnern auf die Runde gehen. Und auch dem legendären Clubhaus Son Vidas weint er eine Träne nach: »Das hatte Charakter.«

 

Gerne erinnert er sich an die Open de Baleares, einem Turnier der European Tour, das 1990 und 1994 auf Son Vida ausgetragen wurde und mit Seve Ballesteros 1990 einen charismatischen Sieger hatte. »Er war für mich auf jeden Fall ein Held«, meint Eustaquio, aber viel stärker hat er den Besuch von Gary Player (damals war er Mitte 50) in bester Erinnerung. Dessen Fitness, seine professionelle Art, das große Können, aber auch seine Lockerheit beeindrucken ihn noch heute nachhaltig.

 

Locker und unkompliziert sei auch das Auftreten der vielen Stars, die er im Laufe seines langen Berufslebens auf die Runde geschickt habe. Die Schauspieler Michael Douglas und Jack Nicholson waren schon da, Masters-Sieger Adam Scott, Rafa Nadal, Paul Breitner oder »Dauergast« Bastian Schweinsteiger. Hinzu kommen viele bekannte Namen aus Spanien. »Ich spreche mit allen immer nur über Golf und behandle sie als normale Gäste, das freut sie.«                            pvs

 

Nicht zuletzt die Besuche solcher Gäste zeugten davon, dass er am richtigen Ort arbeite. »Wir haben hier tolle Hotels und klasse Plätze, diese Kombination gibt es sonst nirgends auf der Insel.« Golf habe sich im Laufe der Jahre gewandelt, früher sei es teuer gewesen, aber die Leute hätten nahezu immer Zeit gehabt. Heute sei Golf wesentlich günstiger, aber nun fehle vielen Menschen die Zeit für eine Runde. Ihm aber mache seine Arbeit noch Spaß – und ja, er putze auch noch heute gerne Schläger, erklärt Eustaquio Lorite.

 

Sprach‘s – und machte sich an seinem freien Tag auf zu einer Runde mit seinen Freunden. Wo? An seinem Arbeitsplatz Son Muntaner.