Interview mit Bernd Wiesberger

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Interview mit Bernd Wiesberger

Einige Entscheidungen stehen nicht mehr in Relation

Bernd Wiesberger (35) hat in seiner Karriere acht Siege auf der European Tour eingefahren. Das erklärte Ziel des Österreichers ist eine Ryder-Cup-Teilnahme Ende September 2021 im amerikanischen Kohler (Wisconsin). GM traf den Audemars Piguet- Botschafter bei einem Sponsorentag im GC Beuerberg.

Herr Wiesberger, Sie spielen häufig in den USA bei den großen Turnieren: Mit Zuschauern, und alles wirkt recht easy. Dann geht es zurück nach Europa und hier werden die Schotten quasi dicht gemacht. Kommen Sie sich da nicht vor wie in einem falschen Film?
Unser Problem auf der European Tour ist, dass wir jede Woche in einem anderen Land spielen und jedes Land entsprechende Bestimmungen hat. Und auch diese können sich sehr schnell ändern. Damit wir Turniere bestreiten können, muss das Set-Up bzw. Reglement so engmaschig wie möglich gehalten werden. Ich möchte ganz klar betonen: Wir sind happy, dass wir in Europa spielen können, allerdings sollte die Balance stimmen. Vieles ist mühsam und schwer nachvollziehbar. Bei der BMW International Open durften beispielsweise kaum Zuseher auf den Platz, gleichzeitig waren jedoch 14.000 Zuseher bei der Fußball-EM in München im Stadion. In Amerika läuft es mittlerweile recht entspannt ab, besonders wenn man als Teilnehmer geimpft ist. Man kann das Hotel seiner Wahl bei Turnieren nehmen, Essen gehen und sich einfach wie ein mündiger Bürger bewegen.
Der Tross der European Tour zieht in einer hermetisch abgeriegelten Bubble durch Europa. Klare Vorgaben, alle in einem Hotel und untertags gibt’s Freigang auf dem Platz. Zu provokant?
Wie erwähnt sind wir glücklich, dass wir bereits seit Langem wieder internationale Turniere spielen können, dennoch fühlt man sich durch manche Regelungen stark eingeschränkt. Natürlich ist es eine sehr dynamische Situation, meines Erachtens stehen einige Entscheidungen nicht mehr in Relation und sind nicht gerechtfertigt.
Sport

Die Pandemie dürfte Sie als global agierenden Profi bei den Reiseplanungen vor manch Herausforderung gestellt haben?
Ganz klar. Ich war in der glücklichen Situation, dass es von Wien aus – vor Corona – täglich mehrere Flüge beispielsweise nach Amerika und die europäischen Metropolen gegeben hat. Das war alles weg. Lange Zeit war die Koordinierung richtig fragil, und manchmal wusste ich einen Tag vor dem geplanten Abflug nicht, ob der Flug nicht doch noch gestrichen wird. Es hat sich gebessert, allerdings sind zahlreiche Direktflüge weggefallen. Zusätzlich war es oft schwierig gültige PCR-Tests für die benötigten Reisen bereit zu haben – diese waren an den Wochenenden oft schwierig zu organisieren. Auch wenn diese zahlreichen Regelungen teilweise absolut nachvollziehbar sind, die organisatorischen Abläufe wurden dadurch wesentlich erschwert.
Corona ist ein ständiger Begleiter und 2021 sind mit Ryder Cup und Olympischen Spielen zwei hochkarätige Events in den ohnehin vollen Terminkalender hinzugekommen.

Sie haben Tokio von Ihrer Liste genommen. Was hat Sie dazu bewogen?
Persönlich finde ich es sehr schade, dass die ersten beiden Olympischen Spiele mit Golf mit Zika und Covid von zwei nicht beeinflussbaren Themen überschattet werden. Insbesondere ist dies schwierig, weil Golf als eine olympische Sportart noch an Bedeutung gewinnen muss – dies war auch bei vielen anderen Sportarten so. Ich bin sehr stolz, dass ich Österreich bereits in Rio 2016 bei Olympia vertreten durfte. Neben dem olympischen Wettkampf geht es auch darum den olympischen Flair und Spirit zu erleben, dies konnte ich in Rio absolut genießen und auch viele andere Bewerbe besuchen. Leider wird dies aufgrund der zahlreichen Einschränkungen in Tokio leider nur sehr schwer möglich sein. Die aktuelle Saison hat zahlreiche Highlights und wie immer im Leben muss man seine persönlichen Prioritäten setzen. Bei mir liegt der Fokus auf der Qualifikation für den Ryder Cup, daher habe ich mit meinem Team lange und intensiv diskutiert und dann die Entscheidung gegen Tokio gefällt.
Die Reiseplanung dürfte auch hier ein Punkt gewesen sein. Vor den Spielen sind Sie in Schottland und bei der British Open in England. Links Golf, womöglich bei tiefen Temperaturen. Anschließend Japan mit durchschnittlich 40 Grad, einem Parkland Course und extremer Luftfeuchtigkeit. Viele Stunden im Flugzeug, extreme Zeitumstellung. Und nach Japan ruft sofort ein WGC in Amerika…
Ich bin in der glücklichen Situation viel reisen zu können und dies auch noch gerne zu machen. Wenn man Turniere auf der European Tour, der PGA Tour und Majors spielt, sind sicherlich mehr Reisen notwendig als mit Fokus auf eine Tour. Diese vielen Reisen sind körperlich anstrengend und im Spitzensport geht es darum, seine Kräfte bestmöglich einzuteilen. Daher muss man auch die entstehenden Reisestrapazen in

Betracht ziehen und die Turnierplanung dahingehend optimieren. Daher haben wir versucht – in einer schwierig planbaren Saison – früh Highlights zu setzen und mich bestmöglich darauf vorzubereiten.
Und schon sind wir beim Ryder Cup, den Sie im Blick haben.
Natürlich ist der Ryder Cup ein Thema, der bei der Planung eine bedeutende Rolle einnimmt. Darauf arbeite ich hin. In den letzten paar Wochen war viel gutes Golf dabei, und wenn ich meine Form bündeln kann und über den Sommer so weitermache, sehe ich keinen Grund, warum ich Ende September nicht noch ein Team-Event mitspiele. Ich fühle mich vom Spiel her sehr solide und möchte entweder entsprechend Punkte haben, um mich direkt zu qualifizieren oder genügend gezeigt haben, um eine Wildcard zu erhalten.
In München haben Sie die ersten beiden Runden mit Kapitän Padraig Harrington gespielt. War der Ryder Cup bei einem offiziellen Turnier eine ernsthafte Gesprächsgrundlage?
2018 habe ich auch mit Thomas Björn in Paris bei der Open de France gespielt. Das ist ein nettes Thema, vor allem für Personen, die in die Abläufe nicht so involviert sind. De facto haben wir null über den Ryder Cup geredet. Padraig fragte lediglich nach meiner anstehenden Turnierplanung, ansonsten war es eine klassische Interaktion von zwei Spielern auf dem Platz. Padraig ist ein Profi, konzentriert sich auf seine Runde und möchte sein bestes Golf spielen.

Wie sehr fasziniert Sie das Duell Mann gegen Mann?
Sehr. Im Amateurbereich habe ich viel Match Play gespielt. Bei der WGC Match Play habe ich vielleicht nicht die beste Quote, konnte aber immer wieder Spieler, die in der Weltrangliste weit höher standen, ärgern. Ich habe mehrmals den EurAsia Cup und World Cup gespielt. Auch da heißt es Mann gegen Mann. Ich glaube, man schaltet bei solchen Wettbewerben automatisch in einen höheren Gang und kitzelt noch mehr heraus. Man spielt für ein Team oder Land und nicht nur für sich selber.

Auf der European Tour sind sie eine Hausnummer. Bernd Wiesberger spielt regelmäßig groß auf und vorne mit. Wo müssen Sie noch nachbessern, dass Ihnen das auch bei den Majors und WGC’s gelingt?
Das ist schwer zu sagen. In Europa habe ich so eine Gewissheit oder Selbstverständlichkeit, dass ich, wenn ich meine normale Form abrufe, jede Woche um den Sieg mitspielen kann. In Amerika ist das noch nicht ganz so. Vielleicht fehlt da die Nuance an Selbstvertrauen. Phasenweise ist es mir mit guten Zwischensprints gelungen,beispielsweise beim Masters 2020. Ich versuche kontinuierlich, mich in kleinen Schritten zu verbessern. Letzteres ist mühsam und arbeitsintensiv. Ich bin aber überzeugt, dass der Knoten aufgehen wird.
USA und Europa sind sehr verschieden. Spielt der Wohlfühlfaktor eine Rolle?
Da würde ich nicht zu viel hineininterpretieren. Da ich aktuell keine volle Kategorie auf der PGA Tour habe und vorrangig auf Einladung spielen kann, spiele ich oft neue Plätze und habe regelmäßig längere Anreisen als die meisten anderen Spieler. Somit ist die Vorbereitung sicherlich anders als bei den Spieler, die laufend auf der PGA Tour spielen. Nehmen wir Augusta: Hier ist es für mich eine Spur einfacher, weil ich den Platz, die Anlage und Abläufe kenne. Dadurch habe ich dort eine gewisse Routine und kann mich schneller auf das Wesentliche fokussieren. Unabhängig von Routine und Abläufen sind Qualität und Schwierigkeit der Plätze in den USA um einiges höher, dadurch ist es auch von Vorteil, wenn man die Plätze besser kennt.
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Bernd Wiesberger
geb.: 8.10.1985 in Wien
Wohnort: Bad Tatzmannsdorf (Burgenland)
Profi seit 2006
Sportliche Erfolge: 8 European-Tour-Siege, zweifacher EurAsia-Cup-Gewinner