Rund 60 bis 65 Prozent aller Schläge einer Golfrunde erfolgen aus Entfernungen unter 90 Metern. Trotzdem wird genau dieser Bereich im Training häufig vernachlässigt. Stattdessen dominiert die Jagd nach dem perfekten Drive – während rund ums Grün wertvolle Schläge liegenbleiben.
Viele Amateurspieler greifen reflexartig zum Sand- oder Lob-Wedge, sobald der Ball in Grünnähe zur Ruhe kommt. Der Wunsch: hoch, weich, viel Spin. Die Realität: dünne Bälle, fette Kontakte, verpasste Up-and-Downs. Daten moderner Tracking-Systeme zeigen jedoch ein anderes Bild: Wer häufiger mit Pitching Wedge oder Eisen 9 chippt, liegt im Schnitt rund 1,8 Meter näher an der Fahne – die Up-and-Down-Quote steigt um etwa acht Prozent.
Golf Magazin bündelt zentrale Strategien, Technikprinzipien und Trainingsideen aus den Kurzspiel-Konzepten führender Coaches und Tour-Profis – vom Chip-and-Run über Putt-Chip und Hybrid-Putt bis hin zu Pitch, Finesse-Wedge, Spin-Loft, Troubleshots und Bunker.
Strategie zuerst: Putten – Chippen – Pitchen – Lob nur im Notfall
Ein kurzer, klarer Entscheidungsfahrplan hat sich für Spieler mit mittlerem und höherem Handicap bewährt:
- Putten, wenn es irgendwie möglich ist. Liegt kein Hindernis zwischen Ball und Loch und ist der Untergrund halbwegs plan, ist der Putt die sicherste Variante – auch aus dem Vorgrün.
- Chippen, wenn Putten nicht sinnvoll ist. Flacher Chip-and-Run mit Pitching Wedge, Eisen 9 oder 8. Der Ball fliegt nur kurz, landet früh auf dem Grün und rollt kontrolliert zur Fahne.
- Pitch oder Lob-Shot nur dann, wenn es keine Alternative gibt. Etwa über einen Bunker, aus tiefem Rough oder wenn kaum Grün zum Arbeiten zur Verfügung steht.
Je niedriger der Ballflug und je früher der Ball am Boden ist, desto kalkulierbarer werden Länge und Richtung. Hohe Wedges mit viel Loft (58–60 Grad) erzeugen zwar Spin, reagieren aber extrem empfindlich auf kleine Technikfehler. Kürzere Eisen oder ein Pitching Wedge liefern konstanteren Bodenkontakt, bessere Längensteuerung und ein deutlich berechenbareres Rollverhalten.
Standardwaffe rund ums Grün: Der Chip-and-Run
Der Chip-and-Run ist der Standardschlag für die Mehrzahl aller Lagen rund ums Grün – flach, unspektakulär, effektiv.
Statt den Ball steil einfliegen zu lassen, wird er bewusst flacher gespielt: kurzer Flug, frühe Landung, kontrolliertes Ausrollen. Der Bewegungsumfang ist klein, die Handgelenke bleiben ruhig, Schultern und Arme pendeln den Schläger wie beim Putten.
Kurz-Eisen wie Eisen 9, Eisen 8 oder ein Pitching Wedge bieten sich an. Je weniger Loft, desto länger rollt der Ball. Besonders wirksam ist es, im Training mit festen Landezonen zu arbeiten: farbige Kreise, Tees, Headcover oder auch Bierdeckel markieren Bereiche, in denen der Ball aufkommen soll.
Wer regelmäßig übt, den Ball in exakt definierte Landefelder zu spielen, entwickelt automatisch ein deutlich besseres Gefühl für Flug–Roll-Verhältnisse. Auf dem Platz entstehen daraus klarere Bilder: Wo muss der Ball landen – und wie viel Grün steht zur Verfügung?
Putt-Bewegung als Rettungsanker: Putt-Chip, Wedge-Top & Hybrid-Putt
Nicht jede Lage lässt einen klassischen Chip zu. Unebener Vorgrünbereich, hohe Grasbüschel, Kanten zwischen kurzgemähtem Gras und Semi-Rough – hier steigt das Risiko, dass zu viel Gras zwischen Ball und Schlagfläche gerät oder der Schläger hängenbleibt.
Genau an dieser Stelle setzen Putt-basierte Kurzspiellösungen an:
Putt-Chip mit Eisen
Beim Putt-Chip wird ein Eisen – häufig 9er oder 8er – im Prinzip wie ein Putter geführt. Der Schläger wird stärker aufgerichtet, der Griff eher in der Handfläche gehalten, der Stand enger gewählt. Die Schlagfläche trifft den Ball mit wenig Loft, der Ball startet flach und rollt anschließend wie ein Putt. Die Kontaktfläche mit dem Boden ist klein, die Gefahr zu fatten oder zu dünnen sinkt deutlich.
„Wedge-Top“ als Lösung am Grünrand
Liegt der Ball direkt an der Kante zwischen Vorgrün und höherem Gras, wird ein sauberer Putt schwierig und ein klassischer Chip riskant. In dieser Situation lässt sich der Ball bewusst mit der Leading Edge eines Wedges knapp oberhalb des Balläquators treffen – technisch ein kontrollierter „Topp“. Durch die Putt-Bewegung bleibt der Schlag erstaunlich konstant, der Ball rollt flach über die Kante und stabil aufs Grün.
Hybrid-Putt für längere Distanzen
Auf längeren Distanzen oder bei unruhigem Vorgrün kann das Hybrid zur Putt-Waffe werden. Die Bewegung bleibt puttähnlich, der runde Schlägerkopf gleitet stabil durch das Gras, ohne zu graben. Der Ball löst sich schnell vom Blatt und rollt mit konstantem Tempo. Besonders wichtig ist hier das Distanzgefühl – entsprechende Übungsreihen am Putting-Grün sind empfehlenswert.
Allen Varianten gemeinsam ist ein Prinzip: Die Bewegung orientiert sich am bewährten Putt-Rhythmus, nicht an komplexen Wedge-Schwüngen. Das reduziert Druck, Fehleranfälligkeit und technische Anforderungen – ideal für stressige Spielsituationen rund ums Grün.
Technische Basis für den Pitch: Setup, Bodenkontakt und „Gras bürsten“
Kurzspiel-Coaches wie Dan Grieve, Marcus Bruns und Ian Holloway betonen immer wieder: Konstanz entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch ein reproduzierbares Setup und Kontrolle über den tiefsten Punkt des Schwungs.
Typische Eckpunkte:
- Stand: eher schmal, Füße näher beieinander als schulterbreit
- Gewicht: leicht bis deutlich auf dem vorderen Fuß, und dort während des gesamten Schlags belassen
- Ballposition: bei Chips mittig bis leicht rechts der Mitte, bei höher fliegenden Pitches eher mittig
- Schaftstellung: leicht nach vorn geneigt, aber nicht übertrieben – Ziel ist ein leicht absteigender Treffmoment
- Hände & Handgelenke: ruhig, kaum aktive Bewegung; der Schläger wird von Schultern und Oberkörper geführt
- Verbindung zum Körper: Oberarme eher am Brustkorb „angelehnt“, keine weggestreckten, verkrampften Arme
Ian Holloway fasst das Prinzip im Bild des „Gras bürstens“ zusammen: Die Sohle des Schlägers soll flach über den Boden gleiten, nicht tief in den Untergrund hacken. Drills mit Ausrichtungsstäben, Tees oder Pizza-Karton (als Schwungbahn- bzw. Bodenkontaktkontrolle) helfen, den tiefsten Punkt des Schwungs an die richtige Stelle zu „programmieren“.
Wer lernt, den Boden bewusst an der richtigen Stelle zu treffen – mal minimal vor dem Ball, mal direkt darunter, je nach Schlagtyp –, gewinnt automatisch Konstanz im gesamten Kurzspiel.
Pitches & Finesse-Wedges: Kontrolle zwischen 20 und 50 Metern
Zwischen rund 20 und 50 Metern trennt sich im Golfsport häufig mittelmäßiges von gutem Scoring. Hier kommen Pitches und das sogenannte Finesse-Wedge ins Spiel.
Das Finesse-Wedge beschreibt einen eher natürlichen, nicht übertrieben „manipulierten“ Wedgeschlag auf Distanzen unter etwa 30 Metern. Stand und Ballposition sind neutral, der Schläger gleitet mit passiven Handgelenken über den Boden, die Körperrotation führt – nicht die Hände.
Ein zentrales Konzept zur Längenkontrolle stammt von Dave Pelz: das Clock-System. Der Rückschwung wird mit Uhrzeiten verglichen – etwa 7:30, 9:00 und 10:30 – und für jede Position die resultierende Distanz mit verschiedenen Wedges ermittelt. So entstehen reproduzierbare Längen, ohne die Schlagintensität ständig variieren zu müssen.
Abgerundet wird das Ganze durch moderne Ansätze wie Spin-Loft-Steuerung: Kombination aus leicht absteigendem Eintreffwinkel und dynamischem Loft, um kontrollierten Spin zu erzeugen – bei gleichzeitig flacherer, spinnreicher Flugkurve.
Spin, Backspin & Spin Loft: Wenn der Ball nach der Landung bremst
Der klassische Traum: Der Ball landet, springt ein Mal und bleibt quasi an Ort und Stelle liegen. Dafür braucht es Spin – und zwar nicht zufällig, sondern technisch erzeugt.
Kurzspiel-Spezialisten wie Joe Mayo und Paul Dyer beschreiben das über den Begriff Spin Loft: den Winkelunterschied zwischen dynamischem Loft im Treffmoment und Eintreffwinkel. Optimal sind rund 45 Grad. Mehr ist nicht zwangsläufig besser, da ab einem bestimmten Punkt die Reibung zwischen Schlagfläche und Ball sinkt.
Mehr Spin ist kein Produkt reiner Schlägerkopfgeschwindigkeit, sondern das Ergebnis aus:
- passendem Loft (typischerweise Gap-, Sand- oder Lob-Wedge)
- sauberer, trockener Schlagfläche mit scharfen Grooves
- Premium-Ball mit weicher Urethan-Schale
- leicht absteigendem, aber nicht zu steilem Eintreffwinkel
- „bürstendem“ Bodenkontakt – wenig Gras, wenig Feuchtigkeit zwischen Ball und Blatt
Drills, bei denen Bälle von einer Pizza-Box gespielt oder Alignment-Sticks als Höhenreferenz genutzt werden, helfen, flachere Abflugwinkel und saubere Kontakte mit den unteren Grooves zu trainieren.
Spezialsituationen: schwierige Lagen, Trouble-Shots & Lob-Shot
Rund ums Grün sind ideale Lies die Ausnahme. Schräglagen, Kahlstellen, fluffiges Rough, Bunkerhänge oder halbe Bälle auf Kanten verlangen nach angepasster Taktik.
Zentrale Leitgedanken:
- Nur Schläge wählen, deren Erfolgsquote im Training bereits hoch ist – Experimente mit 1-aus-20-Treffern kosten auf der Runde meist zwei Schläge.
- Lage zuerst analysieren: Untergrund, Grasrichtung, Hindernisse, Grünfläche zur Fahne, Auslaufzonen.
- Wo immer möglich, auf flachere Annäherungen setzen; der spektakuläre Schlag sollte die Ausnahme bleiben.
Der Lob-Shot ist ein gutes Beispiel: Technisch anspruchsvoll, fehleranfällig und stark von Balllage, Bounce, Loft und Untergrund abhängig. Er hat seine Berechtigung – etwa über hohe Bunkerkanten zu einer kurz gesteckten Fahne –, sollte aber nur dann zum Einsatz kommen, wenn andere Varianten ausscheiden und der Schlag im Training intensiv erarbeitet wurde.
Bunker als Teil des kurzen Spiels – Basics in Kürze
Der Bunker gehört zum erweiterten Kurzspiel. Moderne Bunkerlehre folgt ähnlichen Grundprinzipien wie das Wedge-Spiel vom Gras:
- stabiler, leicht breiter Stand
- deutlicher Gewichtsüberschuss auf dem vorderen Fuß
- kontrollierter Eintauchpunkt in den Sand (Spiegelei-Übungen)
- Nutzung von Loft und Bounce je nach Sandsituation
- Distanzkontrolle eher über Sandmenge und Schwunglänge als über „Gewalt“
Wer die Grundtechnik des Standard-Bunkerschlags beherrscht, baut Schritt für Schritt Varianten für mittlere Distanzen, unterschiedliche Sandsorten und spezielle Lagen wie Spiegelei oder Hanglagen auf.
Training: Vom Theorie-Hub zur besseren Runde
Damit aus Konzepten echte Schläge werden, braucht es strukturiertes Training. Sinnvoll sind:
- Landezonen-Drills für Chip-and-Run (Bierdeckel, Kreise, Ballmarker)
- Putt-Chip-Serien aus unterschiedlichen Lagen am Grünrand
- Hybrid-Putts über Kanten und unruhige Vorgrüns
- Finesse-Wedge-Übungen bis 30 Meter (Balllage, passive Hände, natürliches Finish)
- Clock-System-Sessions mit verschiedenen Wedges und notierten Distanzen
- Gras-bürsten-Drills ohne Ball, Tee-Übungen für Bodenkontrolle
- Bunker-Spiegelei-Übungen zur Angstreduktion im Sand
Konsequentes Kurzspieltraining muss nicht stundenlang dauern. Schon zwei konzentrierte Einheiten pro Woche – je 30 bis 45 Minuten – in klaren Themenblöcken (Chip-Tag, Pitch-Tag, Bunker-Tag) erzeugen spürbare Effekte auf den Score.
