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Long-Drive-WM: Quereinsteiger gegen Längenmonster

Long-Drive-WM

Martin Borgmeiers Gewinn der Long-Drive-WM lässt Deutschland jubeln – Bryson DeChambeaus Platz zwei wirft aber ein paar Fragen auf.

Im Herrengolf fehlen uns (noch) die neuen Superstars, aber in der Long-Drive-Szene läuft es bestens. Martin Borgmeier mischt dort seit ein paar Jahren oben mit und ist nun erstmals Weltmeister geworden. 390 Meter gelingen ihm bei der Long-Drive-WM in Nevada. Gratulation – in der letzten Ausgabe haben wir seine Leistung ausführlich gewürdigt.

Zweiter unter 128 Teilnehmern wird Bryson DeChambeau mit 371 Metern. Moment mal, Bryson DeChambeau, der Profigolfer und LIV-Spieler? Dieses Ergebnis hat Experten und auch so manche Zuschauer etwas stutzig gemacht. 

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Kraftpaket und Modellathlet: Martin Borgmeier, Familienvater aus Westfalen, der in München und Amerika lebt.

Einerseits bringt Bryson DeChambeau jede Menge Flair und Aufmerksamkeit mit. Aber, so war hinterher zu hören: Machen die übrigen Konkurrenten etwas falsch, wenn sie sich von einem Tour-Spieler ausdriven lassen, der eher aus einer Laune heraus seit dem letzten Jahr bei Long-Drive-Wettbewerben antritt? Einem Mann, der gewissermaßen aus einem ganz anderen Sport kommt? Die Frage richten sich, wohlgemerkt, nicht an Martin Borgmeier, der ja Bryson DeChambeau deutlich hinter sich gelassen hat.  

Doch reden wir zunächst über den kalifornischen Quereinsteiger. Bryson war bis vor ein paar Jahren ein durchschnittlich langer Tour-Spieler und lag in der Average-Drive-Statistik von 2019 mit 302 Yards (276 Metern) auf Platz 34, unter anderem hinter Rickie Fowler, Patrick Cantlay und Justin Rose, die wahrlich nicht für ihre herausragenden Längen bekannt sind. Der Tüftler hat sich dann ein Experiment überlegt: Über den Winter wollte er 20 bis 25 Kilo Muskelmasse draufpacken (was ihm trotz aller Skepsis und Häme gelungen ist) und der längste Spieler der PGA Tour werden – viele verspotteten ihn und hielten das für ausgeschlossen. Länge, so glaubten nicht wenige Fachleute bislang, sei »angeboren«; entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. Doch auch das ist ihm gelungen. 2020 war Bryson dann, um ein Zehntelyard vor Cameron Champ, tatsächlich mit 322,1 Yards (295 Metern) der Längste. Respekt! 

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Mehr aus Spaß nahm »The Scientist« an der Long-Drive-WM 2021 teil. Niemand traute ihm etwas zu, doch er kam überraschend unter die besten Acht – geschlagen wurde er im Kampf um den Finaleinzug der besten Vier übrigens von Martin Borgmeier, der damals am Schlusstag Dritter werden sollte.  

In diesem Jahr also die Steigerung: Bryson ist Zweiter geworden, ein sensationelles Ergebnis. Doch wenn ein Tour-Pro nach nur wenigen Monaten Training beinahe die Long-Drive-WM gewinnt – dann wirft das zumindest einen Schatten auf den sportlichen Wert dieses Wettbewerbs. Long Drive-Profis wollen mehr als nur eine Showeinlage sein: Long-Drive-Profis wollen als Sportart ernst genommen werden. Also müssen sie sich auch kritische Fragen gefallen lassen. So wie ein Fußballprofi nach einem schlechten Spiel. Oder ein Golfprofi nach drei verpassten Cuts hintereinander.  

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Amtierender Champion: Martin Borgmeier.

Long-Drive-Profis, so ist doch wohl anzunehmen, trainieren täglich und intensiv. Trotzdem werden 126 der 127 Besten der Welt von einem Tour-Spieler geschlagen, der zwar mit viel Leidenschaft an seiner Schwunggeschwindigkeit arbeitet, aber nebenbei ja auch noch das Putten, Chippen, Pitchen, das Bunkerspiel, die Eisen, Schräglagen, Ballflugkurven und vieles mehr üben muss, um in seinem Hauptberuf bestehen zu können. Er muss neben der Schnellkraft auch die vielen mentalen Aspekte und vor allem auch die Ausdauer trainieren, um vier (bzw. auf der LIV Tour nur noch drei) Runden Golf auf höchstem Niveau ohne die kleinsten Ermüdungserscheinungen durchzustehen. Macht so mancher Long-Drive-Aspirant vielleicht etwas falsch?  

Dass der US-Open-Sieger von 2020 einfach nur Glück gehabt hat, kann angesichts des Formats ausgeschlossen werden, da er sich in mehreren Runden gegen die Konkurrenz durchgesetzt hat – 2021 und auch in diesem Jahr. Bryson DeChambeau ist für die Long-Drive-Szene wahrscheinlich Fluch und Segen zugleich. »Früher waren wir nur die Clowns der Golfwelt«, sagt Kyle Berkshire, Weltmeister von 2019 und 2021, der 2022 wegen einer Handverletzung nicht antreten konnte. »Diese Auffassung ändert sich jetzt gewaltig.« Die New York Times spricht sogar davon, Bryson DeChambeau habe die Long-Drive-Wettbewerbe »gerettet«. Seine Strahlkraft reichte allerdings noch nicht dafür aus, für einen neuen TV-Vertrag sorgen; der Golf Channel überträgt nicht mehr, die Rechte sind zum Verkauf, doch kein Sender schlägt zu. 

Im Übrigen sind Kyle, Bryson und Martin, allesamt Ausnahmeathleten, eng befreundet, und ihre Trainingsvideos sind äußerst unterhaltsam. Vielleicht sollte sich so mancher Long-Drive-Aspirant ein paar dieser Videos abschauen, um Tipps für sein eigenes Training zu bekommen. 

Oder vielleicht sollten Fans der Long-Drive-Szene einfach auch einmal ganz normale Tour-Events besuchen. Dort bekommen sie fantastisch lange Drives zu sehen – und noch viele tolle Schläge mehr, die unseren Sport so komplex und faszinierend machen.