Golf Du Soleil.

Marokko: Teetimes, Tradition und Trubel

Von Johannes Oberlin

Wie in Trance verlieren sich unsere Blicke durch die kleinen Fliegerscheiben im Nirvana der Wüste Agadirs, als urplötzlich der Boden näher kommt. Rums! Die Royal Air Maroc landet etwas ruppig und holt uns zurück – zurück in eine zunächst beunruhigende Realität.

Check-out am Flughafen. Unser Plan, sich nicht als Journalisten zu outen, geht mächtig in die Hose und führt uns an den Rand einer Verhaftung. Die Kameraausrüstung des Fotografen Oliver Hardt enttarnt uns. Zugegebenermaßen ist sie größentechnisch nicht annähernd mit der eines Hobbyknipsers zu vergleichen und sieht noch viel weniger danach aus. Nach vergeb-licher Erklärungsmühe – um uns hat sich zeitweilig die gesamte Heerschaar der marokkanischen Flughafenpolizei versammelt – höre ich schon die Handschellen klicken. Das Abenteuer Marokko hat früher begonnen als erwartet…

Tag 1
Frauen mit Kopftuch und Ladys in Pumps

Soeben sind wir in Agadir im Südwesten des Landes angekommen. Marokko ist angesagt im Moment. Die meisten deutschen Touristen zieht es an den Atlantischen Ozean nach Agadir, der fünftgrößten Stadt des Landes. Hier gibt es Sonne, Strand und Wassersport – gewürzt mit marokkanischem Flair und einer Brise arabischer Kultur. Ob wir hier auch eine Destination für Golfer vorfinden werden, versuchen wir über die nächsten fünf Tage herauszufinden. Vorausgesetzt wir schaffen es irgendwann aus dem Flughafengebäude.
Die uniformierten Jungs hatten dann doch ein Herz, zumindest eins für Golfer. „We only want to make pictures and play Golf“, so meine Bitte, uns endlich in ihr Land zu lassen. Danach gab es offenbar keinen Grund mehr, uns die Einreise nach Agadir zu verweigern.

Agadir ist voll von Einheimischen und blühend grün wie die heilige Farbe des Islams. Die Stadt ist ein Mix aus Tradition und Moderne. Hier die Frau mit dem Kopftuch, dort die herausgeputzte Lady in Pumps. Häuser und Bauruinen scheinen willkürlich in die Wüste gebaut. Die Taxis, meist alte Daimler, erinnern in ihrem leuchtenden Blau an die Häuserfarben von Kuba. Die Menschen sind draußen: kicken, quatschen, trinken Tee, leben. Und: Sie spielen Golf.

Unser Hotel (Tikida Golf Palace – exzellent!) ist direkt am Platz, etwas ab vom Trubel. Der Golf du Soleil bietet 36 Löcher, viele blinde Landezonen  und wie der Name schon verrät: reichlich Sonne. Die gesamte Golfanlage ist durch eine Mauer von der einheimischen Realität abgegrenzt. An manchen Löchern sitzen gar Marokkaner obenauf und belächeln ankommende Fehlschläge mit hämischem Applaus. Fehlgeschlagen ist auch der erhoffte Touristenboom in diesem Jahr. Layla Qmichou (32) vom Fremdenverkehrsamt, die unsere Reise begleitet, bestätigt: „Letztes Jahr hatten wir hier deutlich mehr Gäste.“

Die Krise? Wies aussieht, ja! Eigentlich seltsam. Denn im Vergleich zu Spanien und vielen anderen europäischen Ländern sind die Greenfees hier relativ moderat. Im Golf du Soleil gibts 18 Löcher für knapp 50 Euro. Ein weiterer Vorteil: In Agadir kann man das ganze Jahr bei durschnittlich milden 25 Grad spielen. Clubdirektor Régis Banoun (38 Jahre, gebürtig aus Marseille, Hcp 11) bringt es etwas überzogen auf den Punkt: „Marokko gehört zu den besten Golfdestinationen überhaupt!“

Tag 2
Bandagiert an den 1. Abschlag

Mit den noch nachklingenden Worten des Direktors im Ohr, schießen meine Erwartungen am nächsten Tag in galaktische Sphären. Draußen ist es bewölkt und diesig. Treffpunkt ist 8.45 Uhr, ich bin spät dran. Eilig über den Hotelkorridor gehuscht. Dabei das Schild „Vorsicht Rutschgefahr“ übersehen. Softspikes auf nassem Flurboden lassen mir nicht die geringste Chance. Samt Golfbag packt es mich auf den Rücken. Aufopferungsvoll die Kamera gerettet, die rechte, so wichtige Schwunghand klatscht krachend gegen eine knallharte Korridorkante. Lädiert und bandagiert mache ich mich auf zum 1. Abschlag.

Der Golf Club Med Les Dunes gehört zum „Club Med“ und liegt in der Nähe des Atlantiks in tropischer Atmosphäre. Viele Bunker, schnelle Grüns und Eukalyptuswälder kennzeichnen den Platz. Caddies kosten um die 100 Dirham (etwa 10 Euro) und sind obligatorisch – wie fast überall in Marokko.

Die 27 Löcher des Parklandkurses sind gepflegt und bringen Spaß. Palmen sorgen für örtliches Flair. Die Taschenträger sind hilfsbereit und zurückhaltend. Meiner heißt Tariq (31), ist ein Jahr älter als ich und führt schon seit 18 Jahren „Touris“ über die hügeligen Fairways. Tariq ist klein, das Gesicht eingefallen, seine Zähne sind pechschwarz. Er raucht zu viel, gesteht er, während er mir mit der Kippe im Mundwinkel das Sandwedge für meinen Flopshot reicht.

Die Runde ist hektisch, die Caddies treiben die Touristenflights voran. Zeit ist Geld, gerade in Zeiten der Rezession. Mein Abschlag an der 1 landet unter der einzigen Palme auf der Bahn. Obs an der lädierten Hand lag?

Tag 3
Mit Mustafa in Marrakesch

Auch am dritten Tag lässt sich die Sonne im Königreich nur spärlich blicken. Wir packen unser Zeug zusammen und verlassen die Küste. Agadir ist Geschichte, die Wunde an meiner Hand noch lange nicht. Es geht weiter ins Landesinnere nach Marrakesch, der „red City“, wie die Millionenstadt wegen seines besonderen Lichts genannt wird, das durch die Reflektion der rosa leuchtenden Gebäude entsteht. Hier warten drei weitere Plätze auf uns. Die Fahrt mit dem Bus dauert vier Stunden. Nach kurzem Check-in im Hotelpalast „Es Saadi“ zeigt uns Mustafa (1,90 m groß, rasiert, freundlich) sein „Wohnzimmer“. Der Reiseleiter kennt jede Ecke in Marrakesch, hat mehrere Jahre in Köln gelebt. Sein Deutsch ist gut.

„Kölle alaaf“, scherzt er, während wir durch die prominenteste Hauptgeschäftsstraße (Semmarine) im Ort schlendern. Das Ganze gleicht mehr einem verschachtelten Markt unter Tageslicht als einer gewöhnlichen Straße. Wo man hinschaut: Stände in sehr engen Gassen, Schuhverkäufer, Wollfärber, Gewürzregale, Gebackenes – hier gibt es einfach alles. Es ist schrecklich wülig. „Wie im Kölner Karneval“, lacht Mustafa ausgesprochen gut gelaunt.

Mal riecht es nach frischen Kräutern, mal nach Backstube, dann wieder nach verbranntem Metall oder Orangenbäumen. Schnäppchen sind durchaus möglich – man muss nur richtig handeln. „Marrakesch ist eine Reise in die Vergangenheit und gleichzeitig ein Verweilen in der Gegenwart“, drückt es Mustafa treffend aus. Man sieht Kutschen mit Eseln und Maseratis mit Spoilern. Auch hier hat die westliche Welt längst ihre Spuren hinterlassen.

Noch westlicher wird es wenig später auf dem Amelkis Golf Club, etwa 20 Autominuten von unserem Hotel und zwölf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das Resort ist um die Anlage gebaut, der Stil amerikanisch geprägt. Keine Wunder, hier legte US-Designer Cabell B. Robinson persönlich Hand an. Alles wirkt hier etwas professioneller als in Agadir.

Der Platz ist offen. Hohe Palmenhaine und alte Olivenbäume zieren die Fairways. Waste Areas sorgen für örtliches Flair. Der von Doglegs geprägte 27-Löcher-Kurs ist einfach, weil er für „Streuer“ viel Platz und für gute Golfer reichlich Abkürzungsmöglichkeiten bietet. Das schneebedeckte, unwirklich anmutende Atlas-Gebirge am Horizont begleitet uns die ganze Runde. Die Abschlagskizzen sind auf goldfarbene Tafeln gestanzt, das Clubhaus gleicht einem kleinen Schloss. So stellt man sich Golf im Königreich vor.

Endlich lässt sich die Abendsonne blicken. Olis Augen leuchten, seine Nikon-Kameras rattern wie kleine Maschinenpistolen. Unsere Runde neigt sich dem Ende. Das Nachtleben verdrängt den Tagestrubel. Die „Perle des Südens“, wie Marrakesch auch genannt wird, verabschiedet sich in gleißendem Abendlicht.

Tag 4
Ferienwohnungen entstehen in Slicenähe

Sonne, blauer Himmel, 25 Grad – endlich! Wir fahren zum Palmeraie Golf Club (sieben Kilometer vom Stadtzentrum) – wieder ein klassischer Resortplatz. Überall werden unüberhörbar Ferienwohnungen, teils in gefährlicher „Slicenähe“, um den Kurs gebaut. Trotz der Handschrift von Robert Trent Jones wird der Platz schnell langweilig (viel Wüste, breit, offen). Das Beste sind die schön „geschliffenen“ Fairway- und Grünkanten sowie die pfeilschnellen Grüns.

Am Abend besuchen wir den Platz der Gaukler, ein Muss für jeden, der in Marrakesch Urlaub macht. Hier tobt das Leben. Unzählige Essstände verteilen sich auf einer riesigen Fläche, die von Moscheen eingekreist werden. Gebetsrufe hallen durch die Nacht, Musik wird gespielt. Es gibt Shows mit Affen und Schlangen.
Draußen ist es lau, es wird dunkel. Wir fahren fünf Minuten und landen in einem Nobelrestaurant mit Loungeatmosphäre. Im Gegensatz zu vielen einheimischen Restaurants ist der Ausschank von Alkohol hier erlaubt. Hier trifft sich die Oberschicht. Es ist bizarr. Mit dem Platz der Gaukler hat das nichts zu tun.

Tag 5
Royal Golf: Kaiserwetter auf Königswiesen

Der letzte Tag im Land von Mohamed VI. Er ist der aktuelle König von Marokko. Sein Vater, König Hassan II, errichtete zu seinen Lebzeiten in sämtlichen Regionen des Landes Golfclubs. Überall, wo er damals eines seiner Anwesen hatte, entstand ein königlicher Golfclub. Grund: Hassan, der vor zehn Jahren starb, war selbst ein leidenschaftlicher Golfer, machte den Sport in Marokko erst salonfähig. Heute darf auf den königlichen Kursen jeder spielen – Mitglieder, Touristen und natürlich wir.

Ein Bus bringt uns zum städtischen Royal Golf de Marrakesch – dem zweitältesten Kurs in Marokko, früher der Lieblingsplatz von Hassan II. Es herrscht Kaiserwetter auf den Königswiesen. Den majestätischen Club gibt es bereits seit 1923. Im Jahr 2008 wurde die idyllische Waldanlage um weitere neun Löcher auf 27 erweitert. Zum Glück. Denn die neuen Bahnen sind das Beste, was wir in Marokko vor die Schläger bekommen. Zig Baumarten – viele davon uralt – umsäumen Fairways und Grüns. Zedern, Pinien, Orangen- und Pfirsichbäume, der Kurs strotzt nur so vor Vegetation. So etwas hätten wir im Wüstenstaat Marokko nicht erwartet. Am Horizont thront wieder einmal das schneebedeckte Atlas-Gebirge. „In nur einer Stunde ist man im Skigebiet“, verrät uns Clubdirektorin Maryse Denjean zu unserer Verwunderung.

Die königlichen, flachen, meist breiten Bahnen sind leer, als wir unsere Runde am Nachmittag drehen. So in etwa muss sich König Hassan II hier früher auch gefühlt haben. Sogar an einer Moschee schlagen wir unseren Drive vorbei. Der Platz ist wie ein kleiner Garten mitten in der Natur. „Eine kleine Oase“, schwärmt Maryse Denjean. Und sie hat recht: Zum Abschluss unseres Fünf-Tage-Trips erleben wir Golf als schönste Nebensache der Welt.

Infos Marokko

Lage: Marokko liegt im Nordwesten Afrikas und ist durch die Straße von Gibraltar von Europa getrennt. Es grenzt im Norden an das Mittelmeer, im Westen an den Atlantischen Ozean und im Osten an Algerien.

Klima: An der Küste um Agadir sind es durchschnittlich um die 25 Grad. In den Städten wie Marrakesch kann das Thermometer im Sommer bis auf 40 Grad ansteigen.

Währung: Gezahlt wird in Dirham (100 DH = ca. 9 Euro). Kreditkarten werden in Clubs und Hotels fast überall akzeptiert, außer vielleicht auf den einheimischen Märkten. Bargeld gibt es an Automaten mit Maestro-Zeichen. Selbstverständlich können auch die heimischen Euros gewechselt werden.

Sprache: Arabisch und französisch. Mit letzterer kommt man bestens und ohne Probleme durch das gesamte Land.

Anreise: Mit der Royal Air Maroc (www.royalairmaroc.com) kommen Sie über Frankfurt nach Casablanca. Condor (www.condor.de) und airberlin (www.airberlin.com) steuern von diversen Flughäfen in Deutschland Agadir an. Ryanair (www.ryanair.com) fliegt von vielen deutschen Städten nach Agadir und Marrakesch.

Mobiltelefon: Getestet o2 und T-online – funktionierte wunderbar.

Internet: In jedem Hotelzimmer, das wir besuchten, draht- und problemlos.

Sicherheit: Erkundigen Sie sich bei den örtlichen Behörden und Hoteliers, was es zu bedenken gibt. Speziell dann, wenn Sie als Frau alleine durchs Land reisen. Golfclubs, Strandabschnitte und Hotels machten nach unseren Erfahrungen einen sehr sicheren Eindruck.

Hoteltipps:
Tikida Golf Palace: Das 5-Sterne-Haus mit Spa ist eine Wucht! Die Balkone und Terrassen der Suiten umkreisen einen großzügigen Pool mit etlichen Liegen und Ruhemöglichkeiten. Das Personal ist freundlich, das Essen formidabel, der Golf du Soleil nur einen Steinwurf entfernt
(www.tikidagolfpalace.com).
Es Saadi Gardens & Resort Marrakesch: Mehr geht nicht! Zwar liegt der „Hotelpalast“ inklusive Spa und Pool nicht in direkter Nähe der von uns getesteten Clubs, dafür mitten im Herzen Marrakeschs. Die Junior Suits protzen mit prunkvollem Interieur, und das aufregende Nachtleben Marrakeschs tobt direkt nebenan (www.essaadi.com).

Infos: Weitere wichtige Informationen finden Sie im Internet auf der Webseite www.tourismus-in-marokko.de