Dr. Izzy Justice ist Sportneurowissenschaftler und Performance-Coach. Mit über 18.000 Live-EEG-Messungen untersucht er, wie elektrische Aktivität im Gehirn Leistung beeinflusst – auch bei Profigolfern. Grundlage seiner Arbeit: ein Farbmodell und sogenannte Neurohacks.
Auf einen Blick
- Dr. Izzy Justice hat über 18.000 Live-EEG-Messungen an Sportlern durchgeführt, darunter Profigolfer.
- Nach einer Ablenkung durch das Smartphone kann das Gehirn bis zu 15 Minuten brauchen, um wieder voll konzentriert zu sein.
- Das Gehirn strebt einen ruhigen Zustand mit stabiler elektrischer Aktivität von ca. 10 Hertz an.
- Negative Erlebnisse erzeugen höhere Gehirnaktivität und werden stärker gespeichert als positive.
- Neurohacks nutzen körpereigene Prozesse, um das Gehirn ohne externe Mittel in einen Leistungszustand zu bringen.
Wer ist Dr. Izzy Justice?
Dr. Izzy Justice, geboren in Sambia, lebt seit über 40 Jahren in den USA, ist nicht nur Coach, sondern auch Extremsportler (mehrfacher Ironman-Finisher), was seine Arbeit mit Athleten nachhaltig prägt. Sein neuestes Buch »Your Brain Swings Every Club« verknüpft Golf-Performance und Neurowissenschaft auf einzigartige Weise. Info: drizzyjustice.com
Was im Gehirn passiert, wenn Golfer ihr bestes Spiel abrufen
Golfer können die Bauweise ihres Drivers meist bis ins Detail beschreiben – aber bittet man sie zu erläutern, was in ihrem Gehirn passiert, während sie ihr bestes Golf spielen, hat fast niemand eine Antwort. Genau mit diesem Thema setzen Sie sich auseinander. Was haben Sie bei Golfern sehen können, was mit traditioneller Sportpsychologie bisher nicht sichtbar war?
Das Gehirn zu erforschen, war lange schwierig. Heute können wir mit tragbaren EEGs das Gehirn sogar während eines Putts messen. Dabei zeigt sich: Das Gehirn greift auf Erfahrungen zurück – und ist extrem voreingenommen. Es erinnert sich eher an den einen verschobenen Putt als an tausend gelochte. Steigt die elektrische Aktivität im Gehirn plötzlich an, gerät die Bewegung aus dem Takt.
Das Gehirn erinnert sich eher an den einen verschobenen Putt als an tausend gelochte.
Warum schlechte Schläge länger im Gedächtnis bleiben
Wieso sind Golfspieler so gut darin, sich eher an ihre schlechten als an ihre guten Schläge zu erinnern? Wäre es vielleicht besser, wir würden unsere guten Schläge laut abfeiern und bejubeln, um diese in unserer Erinnerung zu speichern?
Nein. So funktioniert das nicht. Ich wünschte, es wäre so. Positive Gefühle sind mit niedriger Frequenz verbunden – sie sind ruhig. Negative erzeugen hohe Aktivität. Und diese dominiert. Deshalb hilft es nicht, gute Schläge lauter zu feiern. Entscheidend ist, die negative Reaktion zu reduzieren. Wer nach einem Fehler fragt: »Was kann ich daraus lernen?«, gibt dem Gehirn Ruhe und verhindert Grübeln.
Smartphone und Gehirn: Warum permanente Stimulation schadet
Sie argumentieren, dass es heute schwieriger geworden sei, diesen ruhigen Zustand zu erreichen, weil wir permanent stimuliert werden – beispielsweise durch das Smartphone. Was genau passiert dabei im Gehirn?
Scrollen auf dem Display hilft kurzfristig, die Gedanken an Vergangenheit und Zukunft auszublenden. Unser Gehirn sucht ständig nach Reizen, die einen Impuls auslösen und uns ein bestimmtes Gefühl verschaffen – nach Ruhe, Sicherheit und Zufriedenheit. Man scrollt durch Inhalte, bleibt bei einem Autounfall hängen oder bei einem fröhlichen Video – das Gehirn reagiert auf beides. In gewisser Weise ist dieses Verhalten suchtähnlich.
Tatsächlich aber versucht das Gehirn, sich selbst zu beruhigen. Es sucht einen Zustand niedriger, stabiler Frequenz – etwa bei 10 Hertz. Wir scrollen also nicht, weil wir mehr Stimulation brauchen, sondern weil wir weniger innere Unruhe spüren möchten. Das Problem: Der Effekt ist kurzfristig. Auch Drogen können das Gehirn in diesen ruhigen Zustand bringen – allerdings mit massiven Nebenwirkungen. Neurohacks dagegen nutzen körpereigene Prozesse, um ähnliche Effekte zu erzeugen – ohne diesen Preis zu zahlen.
Paradoxerweise glauben wir, wir jagten immer neuen Reizen hinterher. In Wahrheit suchen wir etwas, das die inneren Ausschläge beruhigt.
Neurohacks: Zustände und der Weg zurück
Die drei Zustände
- Grün (ca. 10 Hertz): ruhig, fokussiert, im Flow.
- Gelb: steigende Aktivität, erste Ablenkung.
- Rot: Stress, hohe elektrische Ausschläge, Kontrollverlust
Ziel ist es, elektrische »Spikes« zu vermeiden und in den grünen Bereich zu kommen – denn diese stören die Bewegung.
Drei Wege zurück ins Grün
Atemrhythmus resetten:
Eine langsame, rhythmische Atmung verlangsamt das Gedankenkarussell, beziehungsweise die messbare elektrische Aktivität – beispielsweise vier Sekunden einatmen, zwei Sekunden halten, sechs Sekunden ausatmen. Beim längeren Ausatmen beruhigt sich das Gehirn messbar.
Externer Fokus statt Selbstgespräch: Anstatt sich vorzunehmen, den Arm beim nächsten Schwung ruhig zu halten, hilft ein externer Zielreiz, wie den Ball über einen bestimmten Punkt zu spielen (Baum, Blatt). Weniger Denken, mehr Ausführen.
Mini-Routinen mit klarer Struktur: Wiederholbare Pre-Shot-Routinen geben dem Gehirn Sicherheit. Vorhersagbarkeit senkt Stressspitzen.
Ablenkung durch das Handy: Lernen findet praktisch nicht statt
Was bedeutet das konkret für Training und Lernen? Wenn ein Spieler während der Runde oder im Coaching ständig aufs Handy schaut – was passiert dann?
Lernen findet praktisch nicht statt. Schon kleine Ablenkungen können enorme Auswirkungen haben. Studien zeigen: Nach einer Ablenkung kann es bis zu 15 Minuten dauern, bis das Gehirn wieder seine volle Konzentrationsleistung erreicht – selbst wenn wir subjektiv glauben, längst wieder fokussiert zu sein.
Ich hatte kürzlich einen Profi bei mir. Gleich zu Beginn vibrierte sein Handy, er schaute kurz drauf. Ich sagte: Das war das letzte Mal. Zehn Minuten später vibrierte es wieder. Also sagte ich: Entweder das Telefon geht – oder du. Er brachte es ins Auto. Danach war er vollkommen präsent. Wir haben Ablenkung normalisiert. Das Problem ist nur: Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen »kurz schauen« und »ernsthaft stören«. Jeder Blick kostet Fokus.
Livescoring und Handy auf dem Platz: Wie nachhaltig ist das?
Bei College-Golfern oder in der DGL muss der Score im Livescoring zusätzlich übermittelt werden. Die Spieler gucken zwischen den Schlägen ständig aufs Handy – auch um die anderen Scores zu checken – und spielen trotzdem gutes Golf. Wie ist das mit Ihrer These vereinbar?
Die Frage ist: Wie lange spielen sie gut? Solange alles gut läuft, funktioniert es. Doch viele dieser Spieler sind nur einen schlechten Schlag vom Einbruch entfernt. Wenn etwas schiefgeht, fehlt die Stabilität, um sich zu fangen.
Konstante Leistung entsteht nicht durch Talent allein, sondern durch ein ruhiges, reguliertes Gehirn. Sonst ist Erfolg zufällig – und nicht nachhaltig.
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