Lottie Woad war vor dem Solheim Cup eine besondere Personalie im europäischen Team. Die Nummer sieben der Welt war einerseits Rookie und andererseits nach ihrem rasanten Sprung in die Weltspitze die auf dem Papier beste Spielerin im Team von Kapitänin Anna Nordqvist. Und die Schwedin hatte in Bernardus Großes vor mit der jungen Engländerin. Die 22-Jährige kam in allen vier Team-Partien an der Seite von Charley Hull zum Einsatz und überzeugte spielerisch mit etlichen Birdies. Der Haken: Ein Sieg wollte dabei nicht herausspringen. Das Duo Hull/Woad holte nur 0,5 von vier möglichen Punkten.
Vereinzelt war auch Kritik an der schwedischen Kapitänin zu hören, weil sie das englische Duo immer wieder ans Tee schickte und trotz der mageren Ausbeute an der Paarung festhielt. Vor allem, weil auch die körperliche und mentale Belastung nach vier Matches in zwei Tagen mit Blick auf die Einzel nicht zu unterschätzen war.
Woad spielte aber auch am Sonntag gutes Golf – und ausgerechnet die junge Überfliegerin sorgte am Ende eines spannenden Finaltags in der 20. Auflage des Vergleichs Europa gegen die USA für einen der entscheidenden Momente. Da Carlota Ciganda ihre laufende Partie gegen Jennifer Kupcho zu diesem Zeitpunkt bereits mindestens geteilt hatte, stand fest, dass Europa der nötige halbe Punkt nicht mehr zu nehmen war. Mit ihrem 2&1 gegen Auston Kim brachte Woad Europa zunächst auf 14 Punkte und machte damit den Gesamtsieg faktisch perfekt. Wenig später holte Ciganda mit ihrem 4&2 offiziell den 15. Punkt für Europa.
So ist Golf manchmal
So wirklich bewusst war Woad die Bedeutung ihres Moments zunächst nicht, nachdem sie einen sehr kurzen Par-Putt verwandelt hatte. „Es waren nur wenige Zentimeter, aber in dem Moment hat sich der Putt deutlich länger angefühlt. Ich war vorher ziemlich enttäuscht über die bisherigen Matches, weil ich das Gefühl hatte, das Team im Stich gelassen zu haben. Wir haben danach einige Gespräche geführt, aber so ist Golf manchmal. Dass mir dann ausgerechnet der entscheidende Putt vorbehalten war, ist wirklich cool.“
Es war die Entscheidung in einem über alle Turniertage enorm engen 20. Solheim Cup, bei dem Team Europe zum dritten Mal in Folge bei einem Heimspiel den Pokal behalten beziehungsweise gewinnen konnte. Noch am Vorabend hatte Jennifer Kupcho mit zwei sensationell gelochten Putts und einem überraschenden Punkt im abschließenden Fourball für Rückenwind auf US-Seite gesorgt. Doch Europa konnte bei zunächst verregneten Bedingungen in den Einzeln eindrucksvoll antworten.
Früh wanderte viel Blau auf das Scoreboard und von den ersten acht Einzeln gingen nur zwei verloren. Überzeugend war dabei auch die Leistung der europäischen Rookies. Mimi Rhodes zeigte bei ihrer Niederlage gegen Nelly Korda, die Nummer eins der Welt, eine ordentliche Vorstellung, während sowohl Julia Lopez Ramirez (3&2 gegen Yealimi Noh) als auch Nastasia Nadaud (3&2 gegen Andrea Lee) wichtige Punkte beisteuerten. Auch Charley Hull, die in der ersten Partie des Tages unterwegs war, kam ohne Lochverlust zu einem 3&2 gegen Megan Khang. Ebenfalls überragend präsentierte sich Linn Grant, die Angel Yin mit 4&3 bezwang und den Solheim Cup mit einer makellosen Bilanz von vier Siegen aus vier Matches beendete.
Henseleit verspielt deutliche Führung
Kurios verlief das Match von Esther Henseleit. Die Deutsche, die bei ihrer zweiten Solheim-Cup-Teilnahme in den Foursomes zwei Punkte beigesteuert hatte, führte gegen Alison Lee nach elf Löchern mit 4 auf, musste am Ende aber dennoch eine 1-auf-Niederlage verkraften.
In meinem Match hatte ich dann zwei schlechte Löcher, durch die sich das Momentum verändert hat.
Esther Henseleit
„Es fühlt sich richtig cool an. Wir hatten ein extrem gutes Team und einen tollen Zusammenhalt“, sagte die Deutsche bei Sky. „Es wurde sehr gutes Golf gespielt und jeder hat alles gegeben. In meinem Match hatte ich dann zwei schlechte Löcher, durch die sich das Momentum verändert hat. Danach sind ein paar Putts über die Lochkante gelaufen – es sollte einfach nicht sein. Aber lieber verliere ich mein Match und wir gewinnen dafür als Team.“
„Es ist unglaublich“, ergänzte Nordqvist nach dem Sieg. „Als wir gestern den Platz verlassen haben, haben wir uns schon riesig auf den heutigen Tag gefreut. Und dann war ich wirklich beeindruckt davon, wie jede einzelne Spielerin und jeder Caddie am ersten Abschlag stand und bereit war, alles zu geben.“ Für Nordqvist, die erst kurz vor dem Solheim Cup ihre aktive Karriere beendet hatte, war der Erfolg auch persönlich ein besonderer Moment.
Nach den europäischen Jubelszenen holten die USA noch drei Punkte ohne größere Bedeutung. Das finale Resultat: Europa 15 – USA 13.
Die Ergebnisse im Überblick
- Charley Hull (Europa) besiegt Megan Khang (USA) – 3&2
- Alison Lee (USA) besiegt Esther Henseleit (Europa) – 1 auf
- Linn Grant (Europa) besiegt Angel Yin (USA) – 4&3
- Nelly Korda (USA) besiegt Mimi Rhodes (Europa) – 4&2
- Nanna Koerstz Madsen (Europa) besiegt Allisen Corpuz (USA) – 2&1
- Nastasia Nadaud (Europa) besiegt Andrea Lee (USA) – 3&2
- Julia Lopez Ramirez (Europa) besiegt Yealimi Noh (USA) – 3&2
- Lottie Woad (Europa) besiegt Auston Kim (USA) – 2&1
- Lauren Coughlin (USA) besiegt Leona Maguire (Europa) – 2&1
- Lindy Duncan (USA) besiegt Maja Stark (Europa) – 3&1
- Carlota Ciganda (Europa) besiegt Jennifer Kupcho (USA) – 4&2
- Rose Zhang (USA) besiegt Céline Boutier (Europa) – 2 auf
