Seit über 20 Jahren arbeiten Sie bei Ping. Was macht dieses Familienunternehmen im Vergleich zu anderen Ausrüstungsherstellern so besonders?
Ping ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Ich bin Wissenschaftler und liebe Sport. Also war mein Traumjob, coole Forschung im Sportbereich zu machen. Als ich mich bei Ping bewarb, hieß es: »Hey, wir suchen jemanden, der Golfball-Flugmodelle und die Physik dahinter entwickelt«. Das sind anspruchsvolle Forschungsprobleme, aber eben im Kontext von Golfschlägern – was letztlich bedeutet, Menschen glücklich zu machen. Damals hatte ich mein Vorstellungsgespräch bei John K. Solheim, der heute unser Präsident und CEO ist. Er ist Maschinenbauingenieur. Sein Großvater Karsten Solheim war ebenfalls Ingenieur und wollte für sich bessere Schläger bauen – so nahm Ping seinen Anfang. Die ganze Familie teilt diese Leidenschaft, mit der Mission, die besten Produkte der Welt herzustellen.
Hat Ping zu Recht den Ruf, stärker ingenieursgetrieben als marketinggetrieben zu sein?
Ja, es ist ein sehr langfristig ausgerichtetes Unternehmen, das immer wieder auf denselben Punkt zurückkommt: Das beste Produkt herstellen. Entscheidungen werden stets mit Blick darauf gefällt, was das Beste für uns in den nächsten 50 Jahren ist. Wir stellen nicht alles wegen eines Quartalsziels im Vertrieb um. Es gibt Zeiten, in denen wir einen Produkt-Launch verschieben, weil das Produkt noch nicht ganz so weit ist. Selbst wenn das Sales-Team oder der Markt gerne etwas Neues brächten, entscheiden wir uns trotzdem für eine Verzögerung, weil es noch nicht ganz passt. Wir vertrauen darauf, dass das aus Sicht von 50 Jahren die richtige Entscheidung ist. Und das ist wirklich großartig.
Immer wieder werben Unternehmen mit vermeintlich bahnbrechenden Durchbrüchen und Versprechen von zusätzlicher Schlagweite. Gibt es im Schlägerdesign noch echte Innovationen oder hat die Branche eine Phase erreicht, in der das Marketing marginale Fortschritte übertreibt?
Einer der beliebtesten klassischen Holz-Driver, der Ping Zing – den habe ich sogar benutzt – hatte bereits einen »Bulge«, also eine Krümmung der Schlagfläche. Faszinierend ist rückblickend, dass viele wichtige Prinzipien schon damals genutzt wurden, obwohl die Messtechnik noch gar nicht weit genug war, um sie vollständig zu verstehen. Bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren betrieb Karsten Solheim beeindruckende Forschung – ohne Zugang zu heutigen Motion-Capture- oder Radarsystemen. Unvergessen ist für mich ein Meeting mit John, in dem wir stolz neue Forschungsergebnisse präsentierten – und er nur sagte: »Das haben mein Vater und ich schon 1975 herausgefunden.«
In den 1970ern hatten wir nicht die Möglichkeit, einen hohlen Titanium-Carbon-Driver zu bauen. Wenn wir sie gehabt hätten, bin ich mir sicher, dass Karsten einen gebaut hätte.
Das Wissen war im Grunde schon immer da – aktuell sind lediglich die Teams, Werkzeuge und Fertigungsmöglichkeiten besser. In den 1970ern hatten wir nicht die Möglichkeit, einen hohlen Titanium-Carbon-Driver zu bauen. Wenn wir sie gehabt hätten, bin ich mir sicher, dass Karsten einen gebaut hätte.
Grenzen bei Speed und Fehlertoleranz
Das heißt: Es gibt sie noch, die »großen« Innovationen?
Ich denke, es gibt immer noch einige ziemlich spannende Innovationen. Aber es gibt viele Regeln, gegen die wir arbeiten – womit wir an Grenzen stoßen. Beispielsweise erreichen wir beim Driver die Grenze beim Trampolineffekt und auch die Grenze bei der Fehlertoleranz. Das zwingt uns, an anderen Performance-Aspekten zu arbeiten. Unsere Unternehmensrichtlinie ist unsere Herausforderung, denn sie besagt klar: Jede Aussage, die wir machen, muss durch Testdaten belegt sein. Dazu eine kleine Geschichte: Als wir zum ersten Mal das Adjustable Hosel entwickelt haben – also die Möglichkeit, Loft und Lie bei einem Driver zu verstellen – war eine der Einstellungen etwa ein halbes Grad, aber eben nicht exakt ein halbes Grad. Intern diskutierten wir lange, ob wir überhaupt von 0,5 Grad sprechen dürfen – technisch korrekt waren es nämlich eher, wegen der Geometrie von Kreisen, 0,6 Grad. Am Ende entschied John: Nein, das ist nicht korrekt. Also haben wir statt 0,5 Grad einfach ein kleines Plus- und Minuszeichen verwendet, weil es sonst nicht exakt gestimmt hätte. Wir müssen halt immer die Wahrheit sagen.
Es ist schwierig zu sagen: »Dieser Schläger ist einen Meter länger.« Deshalb versuchen wir zu erklären, welche Technologie dahintersteckt – und warum selbst ein Meter entscheidend sein kann. Das ist eine gute Herausforderung für uns, die Story ehrlich zu erzählen.
Wo würden Sie sagen, gab es konkret echte, drastische technologische Durchbrüche in den letzten 20 Jahren?
Materialien wie Titanium gibt es schon lange, ebenso Graphiteschäfte. Das Aufkommen von Hybrids und Fairwayholz-Technologie ist vergleichsweise neu. Heute ist kaum noch vorstellbar, dass ein durchschnittlicher Golfer keine Fairwayhölzer oder Hybride im Bag hat. Sie sind deutlich leichter zu spielen als Eisen 4 – und damit sind Hybrids, 7er- oder 9er-Hölzer ein echter Fortschritt.
Es gibt immer noch Platz für einen klassischen Anser-Putter, aber die Auswahl ist heute viel größer.
Ich denke auch, dass sich Putter stark verändert haben. Früher waren es fast ausschließlich Blade-Putter aus einem Material. Heute gibt es eine enorme Vielfalt: Mallet-Designs, verschiedene Materialien wie Stahl, Aluminium, Wolfram und viele interessante Konstruktionen. Es gibt immer noch Platz für einen klassischen Anser-Putter, aber die Auswahl ist heute viel größer. Ich bin ehrlich: Ich putte nicht besonders gut, liebe aber die klassische Optik – besonders den Ping Zing Putter. Ich glaube nicht, dass wir das Ende des Blade-Putters sehen werden, der hat weiterhin seinen Platz. Interessanterweise spielen viele Top-Spieler eher Mallet-Putter. Aber in unseren Tests sehen wir weiterhin, dass bestimmte Spieler mit einem Blade-Putter sehr gut performen. Die Vielfalt bei Puttern wird auf jeden Fall bleiben.
Bei Eisen sehe ich ebenfalls eine große Bandbreite an Formen und Konzepten. Es gibt Eisen, die komplett auf Präzision ausgelegt sind – für Spieler, die ohnehin genug Länge haben. Aber gleichzeitig können wir bei den Game-Improvement-Eisen heute zehn Meter mehr Länge herausholen. Ein großer Durchbruch war dabei herauszufinden, wie man Eisen sehr weit schlagen lassen kann, ohne dass sie sich schlecht anfühlen oder unangenehm klingen. Eine dünnere Schlagfläche mit flexiblem Material sorgt zwar für mehr Länge, aber oft auch für unangenehmen Klang. Deshalb investieren wir viel Entwicklungsarbeit in Sound und Gefühl. Ich denke, auch das ist ein großer Durchbruch.
Die Definition von Innovation
Wie wichtig sind Klang und Akustik bei einem Driver?
Extrem wichtig – und sehr schwierig. Geschmäcker sind unterschiedlich und ändern sich mit der Zeit. Außerdem liefert der Klang Feedback über den Treffmoment. Er ist also nicht nur emotional wichtig, sondern liefert auch Infos.
Wie würden Sie Innovation definieren?
Innovation ist eines der schwierigsten Dinge, die man definieren kann. Innerhalb von Ping würden wir sagen: etwas Neues, anderes und Interessantes zu tun – aber nur, wenn es tatsächlich die Performance verbessert. Wir lassen also nichts in einen Schläger einfließen, nur weil es neu und anders ist. Wenn die Leistung nicht besser wird, zählen wir das nicht als Innovation. Das ist dann vielleicht nett, aber nicht mehr. Innovation muss also nicht nur neu, sondern auch spürbar nützlich sein – und genau das ist schwierig.
Eine eher nerdige Frage: Wir nähern uns der physikalischen Grenze der Ballgeschwindigkeit unter den aktuellen CT-Regeln. Wo können Hersteller überhaupt noch realistisch Leistungsgewinne finden?
Schon 2006 konnten wir Driver bauen, die das CT-Limit erreichten. Das ist also schon lange so. Seitdem ist der Spielraum begrenzt, einen Driver noch »heißer« zu machen. Trotzdem schlägt man den Ball heute wahrscheinlich weiter als vor zehn Jahren. Wir finden also weiterhin Wege. Der wichtigste ist: die gesamte Schlagfläche »heißer« zu machen. Die Regeln begrenzen nur die maximale Geschwindigkeit im Sweetspot – aber selbst Profis treffen den Ball nicht immer perfekt. Fehlschläge gibt es immer.
Ein Golfschläger ist keine besonders aerodynamische Form – da kann man noch viel verbessern.
Bei Pros sind sie nur weniger schlimm. Und genau da setzen wir an: durch Fehlerverzeihung, durch veränderte Schlagflächengeometrien – wie bei unserer »Spinsistency«-Technologie, die bei Treffern oben oder unten auf der Fläche bessere Ergebnisse liefert. Außerdem haben wir Spielraum bei der Aerodynamik. Ein Golfschläger ist keine besonders aerodynamische Form – da kann man noch viel verbessern. Darum geht es bei unseren Turbulatoren. Die gibt es schon lange, weil sie funktionieren.
Es gibt seit Langem die Diskussion zwischen geradem Ballflug und gezieltem Shapen von Schlägen. Fördern moderne Driver eher gerade Ballflüge auf Kosten der »Workability«?
Es ist ein Balanceakt. Spieler, die den Ball bewusst in verschiedenen Formen schlagen wollen, brauchen andere Eigenschaften als Spieler, die immer denselben Ballflug spielen. Mehr Workability bedeutet meist weniger Fehlerverzeihung – und umgekehrt. Deshalb haben wir verschiedene Driver-Modelle. Ein MAX-Driver ist sehr fehlerverzeihend, aber schwerer zu »shapen«. Ein LST ist etwas weniger verzeihend, dafür besser formbar. Dasselbe gilt für Eisen: Ein Blade ist formbarer, aber weniger verzeihend. Ein Game-Improvement-Eisen ist umgekehrt.
Macht der moderne Driver es eher leichter oder schwerer, den Ball bewusst zu formen als vor 20 oder 30 Jahren?
Gute Spieler können das immer noch. Ich glaube eher, dass sie sich bewusst dagegen entscheiden. Sie wissen, dass ein konstanter Ballflug oft mehr bringt, als ständig unterschiedliche Schläge zu spielen. Ausnahmen wie Bubba Watson leben bewusst von Kreativität – die meisten Profis setzen jedoch auf Konstanz.
Starkes Engagement im Damengolf
Ping engagiert sich stark im Damengolf. Ist das ein echtes Differenzierungsmerkmal der Marke? Und wie beeinflusst das die Entwicklung?
Das ist ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit. Karsten Solheim erkannte, dass Golf nicht immer männlich dominiert sein muss. Aus diesem Gedanken heraus entstand später auch die Idee zum Solheim Cup. Heute wächst der Frauenanteil im Golf stetig. In Deutschland liegt er bei etwa 37 %, was großartig ist. In den USA ist er von etwa 10 % auf 20 bis 25 % gestiegen. Unsere Herangehensweise: Wir stecken genauso viel Ingenieursarbeit in Damenschläger wie in Herrenschläger – und da entwickeln wir alles von Grund auf neu und leiten nicht einfach von den Herren ab – die Tests erfolgen ausschließlich mit Frauen. Auch im Team hat sich viel verändert: Vor 20 Jahren hatten wir keine Ingenieurinnen, jetzt etwa 15.
Was ist der größte Mythos unter Freizeitgolfern?
»Es liegt nicht am Schläger, sondern am Spieler.« Das stimmt so nicht. Natürlich macht Equipment niemanden zum Topspieler – aber es hilft. Gerade weniger gute Spieler sollten sich gutes Equipment holen und nicht darauf verzichten.
Was würden Sie jemandem sagen, der meint, er müsse erst besser werden, bevor er ein Fitting macht?
Unsere Tourspieler passen ihr Equipment ständig an – und sie sind die besten der Welt. Gerade deshalb sind Sie nicht gut genug, um auf ein Fitting zu verzichten.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft für GM-Leser?
Am Ende geht es für 99 Prozent der Golfer um Emotionen – also Spaß zu haben. Für die meisten Golfer zählt vor allem das Gefühl, einen Schlag zu schaffen, den man sich vorher nicht zugetraut hat.
Der Solheim Cup: Pings Vermächtnis im Frauengolf
Der Solheim Cup ist das wichtigste Teamduell im Profigolf der Frauen: Europa gegen die USA. Benannt ist der Kontinentalvergleichskampf nach Ping-Gründer Karsten Solheim (li.) und seiner Frau Louise, die Frauengolf früh förderten. Die erste Austragung fand 1990 statt. Seitdem hat sich der Wettbewerb zum weiblichen Pendant des Ryder Cups entwickelt. 2026 geht der Solheim Cup in seine 20. Ausgabe. Gespielt wird vom 11. bis 13. September erstmals in den Niederlanden im Bernardus Golf. Ping bleibt über die Solheim-Familie eng mit der Geschichte des Wettbewerbs verbunden.
Weiterlesen
