Der neue Golfschwung von Tiger Woods

Der Golfschwung von Tiger Woods. Beim Masters 2019.

Tiger war 683 Wochen die Nummer eins der Welt und dominierte die Golfwelt über fast zwei Jahrzehnte. Durch Verletzungen und diverse Operationen am Rücken musste er über zehn Monate pausieren. Nach insgesamt fünf Umstellungen am Golfschwung kehrte Woods Ende November 2017 bei der Hero Wold Challenge zurück auf die Bühne des Profisports. Wir zeigen exklusiv wie der neue Golfschwung von Woods funktioniert und was ihn so effizient macht.

Als Tiger Woods Ende November bei der Hero World Challenge 2017 auf den Bahamas an den Start ging, war es sein erster Turnierstart seit 301 Tagen. Woods war von Verletzungen gebeutelt. Der Rücken, das linke Knie und die rechte Achillessehne sind die drei größten Problemzonen von Tiger Woods. Seine letzte Rückenoperation lag zu dem Zeitpunkt acht Monate zurück.

Tiger Woods bei der Hero World Challenge 2017. Sein erste Turnier nach 301 Tagen. (Foto: Getty Images)

Tiger Woods bei der Hero World Challenge 2017. Sein erste Turnier nach 301 Tagen. (Foto: Getty Images)

Der traurige Höhepunkt von Tiger Woods Verletzungspause war vermutlich das Polizei-Foto, das im Mai 2017 um die Welt ging, und einen gezeichneten Woods zeigte. Damals hätte wohl niemand gedacht, dass Tiger noch im selben Jahr wieder ein Profiturnier würde bestreiten können, geschweige denn jemals wieder ein Major gewinnt.

Doch Tiger Woods ist ein Kämpfer. Trotz seinen vier Rückenoperationen kehrte er nicht nur zurück ins Profigolf, sondern auch an die Weltspitze. In dem hochklassig besetzten Teilnehmerfeld der Hero World Challenge 2017 spielte sich Woods mit Runden von 73, 65, 70, 76 – insgesamt vier unter Par –  auf den 15. Rang.

Woods mit neuem Schwung zurück

Seine früheren Trainer, Hank Haney und Sean Foley, preisen die Effizienz von Tigers neuem Schwung auf. Der Golftrainer Jim McLean wurde 2018 zu den Top 5 der amerikanischen Golfleher gewählt. McLean sagt: „Ich habe schon einige Schwungumstellungen bei Profis gesehen, aber nicht ansatzweise so oft und mit so viel Erfolg wie bei Tiger. Und dieser neue Schwung sieht richtig gut aus.“

Auch ein Tiger Woods arbeitet an seinem Golfschwung. Hier mit seinem Caddie Steve Williams bei der PGA Championship 2010. (Foto: Getty Images)

Auch ein Tiger Woods arbeitet an seinem Golfschwung. Hier mit seinem Caddie Steve Williams bei der PGA Championship 2010. (Foto: Getty Images)

Im Folgenden erklärt McLean, wie Tigers neuer Schwung funktioniert:

Die Ansprechposition – Vorbereitung auf den Start

„Wenn ich richtig zählen kann, ist das die fünfte große Schwungumstellung von Tiger“, erklärt McLean. Füße, Hüften und Schultern sind alle parallel Richtung Ziel ausgerichtet. Hier schlägt Tiger Woods ein Eisen. Beim Golfschwung mit dem Driver steht Woods auffallend breitbeinig am Ball und spielt den Ball vom großen Zeh des linken Fußes. „Das unterscheidet sich von dem, was man sonst bei Tourspielern sieht“, erklärt McLean. „Die meisten spielen den Ball auf der Höhe der Ferse, also eine Nuance weiter rechts als bei Tiger. Aber umso weiter man den Ball von vorne spielen, desto höher fliegt er; was ideal ist, wenn man längere Drives schlagen möchte.“

Wer sich etwas von Tiger abgucken möchte, sollte auf die Haltung des Rückens achten. Zwar sieht auch Tigers neuer Golfschwung sehr lässig aus, aber in Tiger Woods steckt noch immer extrem viel Kraft. „Wenn Sie mehr Power für Ihren Golfschwung möchten, kann man nicht krumm über dem Ball stehen“, erinnert Coach McLean.

Der neue Golfschwung von Tiger Woods. Ansprechposition. The PLAYERS Championship 2019. (Foto: Getty Images)

Der neue Golfschwung von Tiger Woods. Ansprechposition. The PLAYERS Championship 2019. (Foto: Getty Images)

Der Rückschwung – flach und weit schwingen

In älteren Abbildungen von Tigers Golfschwung war sein Rückschwung steiler als auf diesem aktuellen Foto. Früher führte Tiger den Schlägerkopf innerhalb der Ziellinie bis hinter seinen Brustkorb zurück. „Jetzt befinden sich die Arme vor seinem Körper, und alles dreht als Einheit“, erläutert Jim McLean.

Golfschwung Tiger Woods. Rückschwung. Bei The PLAYERS Championship. (Foto: Getty Images)

Golfschwung Tiger Woods. Rückschwung. Bei The PLAYERS Championship. (Foto: Getty Images)

Den Schläger so zurückzuschwingen hält ihn länger flach am Boden, was zu einer vertikalen Schlägerkopfbewegung führt. Insbesondere beim Drive gilt: der Ball wird später im Aufschwung getroffen. Denken Sie beim Schlägen Ihrer Eisen und Ihres Drivers an den Schwungradius, um noch mehr Kraft aus Ihrem Golfschwung rausholen zu können.

Das Ende des Rückschwungs – Aufladen für den Hieb

„Bis Tiger seinen Rückschwung vollendet, hat er sich etliche Zentimeter nach rechts bewegt. Das hätten Sie vor ein paar Jahren nicht bei Tiger gesehen“, sagt McLean, der Woods’ Schwungentwicklung über die Jahre natürlich haargenau verfolgt hat. „Das ist definitiv eine Kraft-Bewegung, aber sie ist auch gut für Leute mit Rückenproblemen. Es ist deutlich weniger seitliche Krümmung erkennbar; so wird Tigers untere Wirbelsäule nicht noch zusätzlichem Druck ausgesetzt. Ich mag diese Veränderung. Denken Sie nur an Golfer, die großartig im Driven waren, wie Jack Nicklaus und Greg Norman; sie haben sich hinter und nicht über dem Ball die Extra-Portion Kraft geholt.“

Golfschwung Ende Rückschwung. Tiger Woods bei The PLAYERS Championship 2019. (Foto: Getty Images).

Tiger Woods Rückschwung bei der The PLAYERS Championship 2019. (Foto: Getty Images).

Auf dem Bild ist zu sehen, das die Schulterdrehung komplett erfolgt ist. „Die linke Schulter ist bis weit hinter den Ball gedreht. Das ist die Bewegung eines gesunden Golfers“, beton Jim McLean.

Beim Schlag mit dem Driver holt Tiger Woods zwar noch etwas mehr aus, aber dennoch ist dieser neue Golfschwung deutlich weniger belastend für seinen Rücken. Wenn Sie diese Bewegung nachmachen, achten Sie darauf, das Gewicht nicht zu sehr nach rechts zu verlagern. Das vermeidet Tiger, indem er gegen ein stabiles rechtes Bein dreht. „Ansonsten würde es ihm an der nötigen Konstanz fehlen“, erklärt McLean.

Zum Ball schwingen – die Energieübertragung

Jim McLean: „Imposant! Dieser Mann hatte mehrere Rückenoperationen und schwingt aggressiv zum Ball!“

Seit langem ist Woods bekannt dafür, die Knie zu beugen, wenn er den Durchschwung einleitet. Er nutzt den Boden als Hebel für einen kraftvollen Schwung. Jim McLean ist der Meinung, dass die Neigung nicht mehr so deutlich wie früher sei. Wichtig hingegen ist, dass Tiger ausreichend Raum beibehält, um den Schläger Richtung Ball zu peitschen.

Golfschwung Tiger Woods. Zum Ball schwingen. The PLAYERS Championship 2019. (Fotos: Getty Images)

Golfschwung Tiger Woods. Zum Ball schwingen. The PLAYERS Championship 2019. (Fotos: Getty Images)

„Das ist der Kniff“, sagt McLean. „Wenn Sie sich im Vergleich zu Ihrer Ansprechposition absenken, müssen Sie dafür sorgen, dass der Schläger vor Ihrem Brustbein bleibt, um sich frei zum Ball bewegen zu können. Das macht Tiger derzeit hervorragend.“

In den Treffmoment hinein – Kraft generieren

Angenommen, die Bewegungsfreiheit von Tiger ist nach der vierten Operation an dem beschädigten Wirbelknochen eingeschränkt, so wäre es unrealistisch zu glauben, er könne seine 290-Meter-Abschläge noch genauso produzieren wie früher. Somit muss sich Woods die Geschwindigkeit für seinen Golfschwung auf andere Art holen.

Golfschwung Treffmoment Tiger Woods. Bei The PLAYERS Championship 2019 (Fotos: Getty Images)

Der Treffmoment von Tiger Woods bei der The PLAYERS Championship 2019 (Fotos: Getty Images)

Jetzt generiert er die Kraft mit Hilfe seiner Arme. „Tiger schwingt definitiv mehr aus den Armen als früher. Die Arme bewegen sich extrem schnell“, sagt Jim McLean. So wie bei Greg Norman in dessen besten Zeiten. Obwohl sich der Schaft Richtung Ziel neigt, befindet er sich den Bruchteil einer Sekunde später senkrecht zum Boden.

Tiger Woods Golfschwung nach Treffmoment. Bei The PLAYERS Championship 2019. (Fotos: Getty Images)

Tiger Woods Golfschwung nach Treffmoment. Bei The PLAYERS Championship 2019. (Fotos: Getty Images)

„Tiger befreit den Schläger hart. Er bringt ihn vor seinen Körper und trifft den Ball im weiteren Verlauf des Schwungs. Tiger schleppt den Schläger nicht durch den Treffmoment, sondern lässt seinen rechten Arm die Bewegung vorgeben und diktieren“, erläutert McLean.

Der Durchschwung – Freiheit für den Schlägerkopf

Wenn Sie den Durchschwung von Tiger Woods mit dem von Jordan Spieth vergleichen würden, müsste Ihnen ein erheblicher Unterschied der Positionen von Armen und Händen auffallen: „Sie würden nämlich sehen, dass Jordans linker Ellbogen noch gebeugt ist, wohingegen der linke Arm von Tiger gestreckt ist und der Schlägerkopf frei schwingt,“ erklärt Schwungexperte McLean.

„Jordan reißt den Schläger durch den Treffmoment, Tiger hingegen wirft ihn. – Die Bewegung von Tiger gleicht einem mit der rechten Hand hart geworfenen Ball. Der Brustkorb von Tiger dreht sich zwar zum Ziel, ist aber in Relation zu seinen Armen und Händen nicht ansatzweise so stark gedreht. In der Zeit vom Treffmoment bis der Schläger parallel zum Boden steht haben sich Arme und Hände wesentlich mehr bewegt.“

Durchschwung Tiger Woods. Bei The PLAYERS Championship 2019. (Foto: Getty Images)

Der Durchschwung von Tiger Woods. (Foto: Getty Images)

„Wenn der Slice Ihr typischer Ballflug ist, sollten Sie diese Bewegung imitieren. Rotieren Sie im Durchschwung Ihre rechte Hand über die linke“, rät Teaching-Professional Jim McLean.

Golfschwung Finish – eine schlaue Bewegung für den Rücken

Jetzt mal ehrlich: Viele Golfer haben Probleme im Bereich der Lendenwirbelsäule, und die betreffen nicht nur Profi-Spieler! „Mit diesem Wissen im Hinterkopf müssen Sie alles dafür tun, um Ihren Rücken zu schützen“, mahnt Jim McLean. Das neue Finish von Tiger Woods zu kopieren ist schon ein Anfang. „Dieses Finish ist großartig. Insbesondere für einen Kerl mit einem lädierten Rücken.“ Sehen Sie nur, wie aufrecht er steht.

Golfschwung Finish Tiger Woods. Bei The PLAYERS Championship 2019. (Foto: Getty Images)

Das Finish von Tiger Woods (Foto: Getty Images)

Am Ende seines Rückschwungs – also eine Sekunde später – steht seine rechte Schulter höher als seine linke. Und wenn Sie – aus der Seitenansicht – eine Linie von seinem rechten Ohr bis zur Innenseite seines linken Fußes ziehen würden, dann wäre das Resultat eine gerade Linie. Seine Wirbelsäule biegt sich nicht mehr in Form eines „umgekehrten C“. „Das bedeutet: Es wird kein zusätzlicher Druck auf die Bandscheiben ausgeübt“, erklärt McLean.

Da niemand jünger wird, bedeutet dieses aufrechte und ausbalancierte Finish gewonnene Zeit und
Gesundheit für die persönliche Golflaufbahn. „Lassen Sie den Schläger im Finish ruhig auf Ihrem Nacken oder Ihren Schultern ruhen“, rät McLean.
„Tiger steht so aufrecht. Es ist großartig zu sehen, dass er wieder wie ein wahrer Champion schwingt.“ – und nun mittlerweile nach seinem fünften Masters-Sieg nun auch wieder ein Champion ist.