Zwei Freundinnen, gleich alt, ähnlicher Alltag. Beide bekommen dasselbe Antidepressivum verschrieben. Die eine spürt nach wenigen Wochen eine deutliche Besserung. Die andere quält sich mit Nebenwirkungen herum und merkt kaum eine Wirkung. Gleiche Diagnose, gleiches Medikament, vollkommen unterschiedliche Erfahrung. Der Unterschied liegt oft dort, wo wir selten hinschauen: in den Genen.
Moderne Medizin beginnt, die genetisch einprogrammierten Unterschiede ernst zu nehmen. Gentests zur Risikoabschätzung und pharmakogenetische Analysen zur Medikamentenwahl verschieben den Fokus. Nicht mehr der statistische Durchschnitt entscheidet, sondern der einzelne Mensch mit seinem biologischen Profil. Wir haben uns angesehen, was das konkret bedeutet, und anschließend mit Dr. med. Jan K. Hennigs, Ärztlicher Direktor von YEARS Prävention Berlin, gesprochen.
Zunächst aber: Was misst ein präventiver Gentest eigentlich?
Das menschliche Erbgut umfasst rund 3,1 Milliarden Bausteine, verteilt auf 23 Chromosomenpaare. Dieser Bauplan steuert, welche Proteine unser Körper herstellt und wie Zellen funktionieren. Doch er ist nicht bei jedem identisch. Kleine Varianten in der DNA unterscheiden uns voneinander. Viele davon sind harmlos. Manche erhöhen jedoch das Risiko für bestimmte Erkrankungen. Präventive Gentests suchen gezielt nach solchen bekannten Risikovarianten.
Sie kommen zum Beispiel im Rahmen einer Exomsequenzierung zum Einsatz. Dabei werden gezielt die Abschnitte der DNA untersucht, die Pläne für Proteine enthalten, also jene Bereiche, die für viele Erkrankungen besonders relevant sind. Diese Bereiche machen nur einen kleinen Teil unseres gesamten Erbguts aus, liefern aber besonders viele medizinisch nutzbare Informationen. Im klinischen Alltag ist die Exomsequenzierung das bewährte Verfahren. Sie konzentriert sich auf das, was wirklich interpretierbar und handlungsrelevant ist.
Es gibt auch die Möglichkeit einer vollständigen Genomsequenzierung, die das gesamte Erbgut erfasst. Das klingt zunächst nach mehr, ist aber kein automatischer Vorteil. Denn eine Vollsequenzierung liefert auch eine große Menge an Varianten, deren klinische Bedeutung noch nicht eindeutig belegt ist oder deren Einfluss auf das Krankheitsrisiko sehr gering ist. Für die medizinische Prävention gilt daher: Mehr Daten bedeuten nicht automatisch mehr Nutzen. Entscheidend ist, was sich sinnvoll daraus ableiten lässt.
Analysiert werden bei der Exomsequenzierung Gene, die mit bestimmten Krebsformen, erblichen Herzrhythmusstörungen oder Stoffwechselstörungen in Verbindung stehen.
Angelina Jolie hat mit ihrer Entscheidung für eine präventive Operation eine weltweite Diskussion angestoßen.
Ein prominentes Beispiel sind Veränderungen in den Genen BRCA1 und BRCA2. Angelina Jolie hat mit ihrer Entscheidung für eine präventive Operation eine weltweite Diskussion angestoßen. Bestimmte Varianten können das Brustkrebsrisiko deutlich erhöhen. Dieser Nachweis gelingt im klinischen Setting zuverlässig über die Exomsequenzierung. Das klingt zunächst bedrohlich, eröffnet aber gleichzeitig Handlungsspielräume, etwa durch engmaschigere Früherkennung oder vorbeugende Maßnahmen.
Wichtig bleibt: Ein genetisches Risiko ist keine Garantie für eine Erkrankung. Es beschreibt eine Wahrscheinlichkeit. Gene wirken nie isoliert. Umwelt, Lebensstil und Zufall spielen mit hinein. Selbst bei stark wirksamen Varianten erkrankt nicht jede Trägerin. Man spricht hier von Penetranz, die beschreibt, wie häufig sich eine genetische Veränderung tatsächlich im Krankheitsbild zeigt.
Pharmakogenetik: Wenn das Medikament nicht passt
Noch greifbarer wird Genetik beim Thema Medikamente. Fast jeder Wirkstoff wird im Körper über bestimmte Enzyme verarbeitet. Diese Enzyme wiederum unterliegen genetischen Unterschieden.
Ein gut untersuchtes Beispiel ist das Enzym CYP2D6. Es ist an der Verstoffwechselung zahlreicher Medikamente beteiligt, darunter Antidepressiva, Herzmittel und Schmerzstoffe wie Codein. Manche Menschen bauen Wirkstoffe über dieses Enzym nur sehr langsam ab. Der Spiegel steigt, Nebenwirkungen nehmen zu. Andere verarbeiten dieselbe Substanz rasch, doch dann bleibt die Wirkung aus.
Ein relevanter Anteil der Bevölkerung trägt genetische Varianten, die die Reaktion auf mindestens ein gängiges Medikament beeinflussen können. Nicht alle Substanzen einer Medikamentengruppe sind betroffen, sondern jeweils ausgewählte Wirkstoffe, für die belastbare Gen-Wirkstoff-Daten vorliegen. Das gilt zum Beispiel für bestimmte Blutverdünner, einzelne Magensäureblocker, spezifische Cholesterinsenker oder ausgewählte Psychopharmaka.
In einzelnen Bereichen ist ein Gentest bereits vorgeschrieben.
In einzelnen Bereichen ist ein Gentest bereits vorgeschrieben. Das HIV-Medikament Abacavir darf bei Trägern eines bestimmten Gewebemerkmals nicht eingesetzt werden, da schwere Überempfindlichkeitsreaktionen drohen. Auch bei einigen Chemotherapien ist eine genetische Testung vor Beginn der Behandlung heute Standard.
Warum es noch nicht überall genutzt wird …
Für ausgewählte Wirkstoff-Gen-Kombinationen liegen gut etablierte Handlungsempfehlungen internationaler Fachgremien vor. Für andere Bereiche wird der Nutzen noch weiter untersucht. Diese differenzierte Datenlage ist kein Manko, sondern der ehrliche Stand der Wissenschaft. Dennoch findet Pharmakogenetik im Alltag noch zu selten statt.
Das liegt teilweise an Strukturen. Viele Tests gelten nicht als reguläre Kassenleistung. Hinzu kommt, dass pharmakogenetisches Wissen in der ärztlichen Ausbildung bislang eine untergeordnete Rolle spielte. Dabei zeigen Studien, dass gezielte Tests – insbesondere bei ausgewählten Medikamenten und vor allem bei der Daueranwendung – Fehlversuche mit ungeeigneten Präparaten reduzieren und Krankenhausaufenthalte wegen Nebenwirkungen verringern können. Das spart nicht nur Belastung für Patienten, sondern auch Kosten.
Die Preise für Sequenzierungen sind in den vergangenen zwanzig Jahren drastisch gesunken.
Die Technik selbst ist längst kein Luxusprojekt mehr. Die Preise für Sequenzierungen sind in den vergangenen zwanzig Jahren drastisch gesunken. Was früher ein Milliardenprojekt war, ist heute in hochspezialisierten Zentren Teil eines erweiterten Gesundheits-Check-ups, das im Rahmen strenger rechtlicher Voraussetzungen erfolgt.
An dieser Stelle ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Medizinische Gentests, wie sie in qualifizierten Präventionszentren angeboten werden, unterliegen in Deutschland dem Gendiagnostikgesetz (GenDG). Sie dürfen nur im Rahmen einer qualifizierten ärztlichen Beratung durchgeführt werden. Das ist kein bürokratisches Detail, sondern der entscheidende Qualitätsfilter.
Kurzinterview mit Dr. med. Jan K. Hennigs
Dr. med. Jan K. Hennigs ist Facharzt für Innere Medizin und Lungenheilkunde und arbeitet seit über 20 Jahren als Arzt und Forscher. Als medizinischer und wissenschaftlicher Leiter von YEARS in Berlin entwickelt er die Arbeit der Klinik fachlich und wissenschaftlich weiter.
Herr Dr. Hennigs, viele verbinden Gentests noch mit Abstammungsanalysen. Was macht sie medizinisch relevant?
Wir drehen den Blickwinkel. Klassische Medizin greift ein, wenn Symptome auftreten. Medizinisch relevant werden genetische Tests dann, wenn sie helfen, konkrete gesundheitliche Risiken besser einzuordnen oder therapeutische Entscheidungen zu unterstützen. In der Krebsmedizin sind sie bereits integraler Bestandteil moderner Therapien. In der Präventivmedizin können wir mit medizingenetischen Analysen besser verstehen, wo erblich bedingte Krankheitsrisiken liegen. Das kann zum Beispiel bei familiären Häufungen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmten Krebsarten hilfreich sein. Wichtig ist aber: Ein genetischer Befund ist keine Diagnose und keine Vorhersage mit Gewissheit. Er ist ein Baustein in der Risikobewertung.
Was unterscheidet Ihr Vorgehen von Lifestyle-Gentests aus dem Internet?
Der Unterschied liegt in der medizinischen Frage und in der Einordnung. Wir konzentrieren uns auf genetische Befunde, für die es klare medizinische Evidenz und konkrete Handlungsmöglichkeiten gibt. Über 170 Gene stehen so bei uns im Fokus, alle mit belegtem Bezug zu klinisch relevanten Risiken. Ein medizinischer Gentest sollte nicht einfach Daten produzieren, sondern eine saubere ärztliche Interpretation ermöglichen. Die meisten kommerziellen Lifestyle-Angebote liefern Daten, die kaum einzuordnen sind. Entscheidend ist die ärztliche Interpretation. Ein Befund gehört in ein Gespräch, nicht in eine App.
Pharmakogenetik ist besonders dort sinnvoll, wo für Medikamente belastbare Daten vorliegen, dass genetische Unterschiede Wirkung oder Nebenwirkungen beeinflussen.
Welche Rolle spielt die Pharmakogenetik?
Eine wichtige, aber sehr spezifische und meines Erachtens noch nicht ausreichend genutzte Rolle. Viele Menschen werden im Laufe ihres Lebens dauerhaft Medikamente einnehmen. Pharmakogenetik ist besonders dort sinnvoll, wo für Medikamente belastbare Daten vorliegen, dass genetische Unterschiede Wirkung oder Nebenwirkungen beeinflussen. Das gilt auch für häufig eingesetzte Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva, Gerinnungshemmer, Fettsenker oder Magenschutzmittel. Die Pharmakogenetik kann erklären, ob höhere Dosierungen notwendig sind, um optimal zu wirken, oder ob die Dosis reduziert werden sollte, weil das Risiko für Nebenwirkungen deutlich erhöht ist. Das Ziel ist aber nicht, jedes Rezept zu »genetisieren«, sondern dort präziser zu werden, wo es real helfen kann.
Viele Menschen haben Angst, dass ein Gentest eher Schrecken auslöst als Sicherheit gibt. Wie erleben Sie das in der Praxis?
Ein Gentest ist bei uns immer eine gesonderte freiwillige Entscheidung. Jeder Mensch hat ein Recht auf Nichtwissen. Aber Angst entsteht vorwiegend, wenn Informationen ohne medizinische Einordnung im Raum stehen. Daher ist bei uns immer das Gespräch mit Fachärztinnen und -ärzten für Humangenetik Teil des Programms. Wir erklären sehr genau, was ein Befund bedeutet und was er ausdrücklich nicht bedeutet. Ein erhöhtes Risiko heißt nämlich nicht, dass die Krankheit zwangsläufig eintritt. Es heißt: Hier lohnt sich ein genauerer Blick, wo gezielte Maßnahmen den größten Effekt haben. Das empfinden die meisten Patientinnen und Patienten als Hilfestellung und nicht als beängstigend.
Wo sehen Sie die Entwicklung in den nächsten Jahren?
Die Technik ist schon lange da, und es gibt eine Reihe von Lifestyle-Angeboten. Was wir benötigen, ist eine bessere Qualitätssicherung und klare Leitlinien durch die Fachgesellschaften, um mehr Klarheit zu ermöglichen statt verwirrendem Aktionismus. Wir benötigen klare Standards, gute ärztliche Aufklärung und realistische Erwartungen. Personalisierte Medizin ist kein Zukunftsversprechen mehr, aber sie funktioniert nur verantwortungsvoll, wenn Evidenz, Indikation und Beratung zusammenpassen.
Gentests und Pharmakogenetik sind heute kein Zukunftsthema mehr. Entscheidend ist aber nicht die bloße Verfügbarkeit, sondern der sinnvolle Einsatz. Genetische Information ist dann medizinisch wertvoll, wenn sie sauber erhoben, fachlich korrekt interpretiert und in konkrete Entscheidungen übersetzt wird.
Hinweis: Genetische Untersuchungen unterliegen in Deutschland dem Gendiagnostikgesetz (GenDG) und dürfen nur im Rahmen einer qualifizierten ärztlichen Beratung erfolgen.
Weiterlesen
