Eine Runde Golf verbrennt so viele Kalorien wie zwei Stunden Tennis – dieser Satz kursiert unter Golfern seit Jahren. Ein Arzt und Stoffwechselforscher hat ihn auf dem Golfplatz Altenhof mit modernster Messtechnik auf die Probe gestellt. Das Ergebnis überrascht – vor allem, was handelsübliche Fitness-Tracker dabei falsch machen.
Auf einen Blick
- 18 Loch Golf zu Fuß mit Tasche verbrennen rund 820–1000 Kilokalorien laut indirekter Kalorimetrie.
- Handelsübliche Brustgurte überschätzen den Kalorienverbrauch beim Golf um bis zu 159 Prozent.
- Der Golfclub Altenhof liegt im Gut Altenhof bei Eckernförde (Schleswig-Holstein) und wurde teils auf dem Gelände einer ehemaligen Kiesgrube angelegt.
- Cortisol-Ausschüttung durch Stress bei Fehlschlägen treibt die Herzfrequenz hoch, ohne den tatsächlichen Energieverbrauch entsprechend zu steigern.
- Golf zu Fuß entspricht pro Runde einer Gehstrecke von acht bis zwölf Kilometern – mehr als viele Büromenschen in einer Woche zurücklege
Der Mythos und die Frage dahinter
Es gibt diesen Satz, den man unter Golfern immer wieder hört, meist mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Selbstberuhigung liegt: »Eine Runde Golf verbrennt so viele Kalorien wie zwei Stunden Tennis.« Wer das sagt, will damit sagen: Ich tue etwas für meine Gesundheit, auch wenn ich dabei in Ruhe über grüne Hügel spaziere und gelegentlich einen Ball in die falsche Richtung schicke.
Stimmt das? Oder ist es einer jener Golfer-Mythen, die sich hartnäckig halten wie ein nerviger Slice?
Der Forscher und seine vier Messgeräte
Um das herauszufinden, treffe ich Tim Hollstein im Golfclub Altenhof, unweit von Eckernförde, an der Ostsee. Hollstein ist Arzt und Stoffwechselforscher an der Universität Kiel, hat an den National Institutes of Health in Phoenix, Arizona, geforscht und gerade ein Buch veröffentlicht. Er unternimmt darin den Versuch, das Rätsel zu erklären, warum manche Menschen essen können, was sie wollen, ohne dick zu werden, während andere schon sprichwörtlich beim Anschauen des Kuchens zunehmen. Er nennt es das Kuchen-Paradox.
Er hat ein sehr modernes Messgerät dabei. Eigentlich hat er vier.
- Am linken Arm klebt mir ein FreeStyle Libre, ein kontinuierlicher Zuckersensor.
- An meinem Handgelenk sitzt ein Zepp-Tracker, der Herzfrequenz, Herzratenvariabilität und Schritte aufzeichnet.
- Zusätzlich hängt ein Kardio-Brustgurt unter meinem Shirt.
- Und auf meinem Gesicht, befestigt mit einem Gummiband, thront die moderne, mobile Atemmaske der US-amerikanischen Firma Calibre Biometrics, der sogenannte Calibre Bio.
Sie lässt mich aussehen wie einen Eishockey-Torwart, misst aber den Gasaustausch, also wie viel Sauerstoff ich aufnehme und wie viel Kohlendioxid ich abatme. Das ist die Methode, die Sportmediziner indirekte Kalorimetrie nennen. Sie gilt als Goldstandard, wenn es darum geht, den tatsächlichen Kalorienverbrauch zu messen.
»Theoretisch können wir damit jeden Atemzug in Kalorien übersetzen, in Echtzeit, sehr genau. Die Daten werden zeigen, was dein Körper auf dem Platz tatsächlich macht. Jeder Stoffwechsel reagiert anders. Also sicher nicht so, wie Studien es im Durchschnitt sagen. Das ist der Kern des Ganzen.«
Der Golfplatz als Stoffwechsellabor
Der Golfplatz Altenhof liegt eingebettet in die historische Parkanlage des Guts Altenhof, dessen Geschichte sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Ein paar hundert Meter entfernt liegt die Ostsee. Was man für Norddeutschland seltsamerweise spürt, sind die Höhenunterschiede. Altenhof wurde teils auf dem Areal einer alten Kiesgrube angelegt, und das merkt man.
»Alpin« würde in diesem Zusammenhang als Begriff übertreiben, aber die Überraschung kann nicht verborgen werden. Hollstein, der im Cart sitzt und Messdaten auf seinem iPad überwacht, nennt das »metabolisch interessant«. Ich nenne es: anstrengender als erwartet, zumal der Test mit meiner geschulterten Tragetasche (11 kg) durchgeführt wird.
Was die Daten Loch für Loch zeigen
Schon an Loch 1 zeigt die Kurve des Blutzuckersensors, was ich Gutes zum Frühstück gegessen habe: eine Hafer-Bowl und ein Ei. Der Zucker ist sehr stabil. Auf 18 Löchern legen Golfer je nach Platz und Route zwischen acht und zwölf Kilometer zurück. Das ist mehr, als die meisten Büromenschen in einer Woche gehen.
An Loch 3, einem kurzen Par 3 über einen kleinen Teich durch eine optisch enge Baumschneise, entsorge ich den Schlag leider links im Wald. Mein Puls steigt kurz auf 118, obwohl ich mich kaum bewegt habe. »Das ist Cortisol«, sagt Hollstein, ohne vom iPad aufzusehen. »Stress treibt die Herzfrequenz hoch, mobilisiert Energie, als ob gleich etwas Gefährliches passiert. Beim Golf passiert das ständig, nur eben wegen eines Balls statt eines Säbelzahntigers.«
An Loch 8, einem langen Par-3 bergauf, zeigt die Atemmaske zum ersten Mal deutlich, was gerade passiert. Die Sauerstoffaufnahme steigt spürbar, die Herzfrequenz klettert kurzzeitig auf 148.
»Der Körper greift gerade auf beide Speicher zurück (Glukose und Fett). Hier beginnt es interessant zu werden. Bei moderater, anhaltender Belastung verschiebt sich das Verhältnis Richtung Fett. Das ist genau der Bereich, in dem Golf, wenn man ihn zu Fuß und mit Höhenunterschieden spielt, als Trainingsreiz für den Kalorien-Grundumsatz relevant werden kann.«
Nach der 9. Bahn halten wir kurz an. Hollstein schaut auf die Daten, ich atme durch. Wir sitzen am Rand des Fairways und essen nichts, weil er das für einen Teil des Experiments hält. Der Blutzucker liegt stabil um 5,0–6,0 mmol/l. »Interessant«, sagt er, »dass du bisher kaum in den Bereich kommst, in dem normalerweise dieser klassische Zuckerloch-Effekt eintritt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Belastung gleichmäßig und nicht zu intensiv ist.«
Wir sprechen kurz über Snacks auf dem Platz. Was ist eigentlich sinnvoll? »Das kommt auf die Spielweise an«, sagt er.
Auf zum Endspurt: An Loch 12, einem Par 4 mit abschließender Steigung, springt meine Herzfrequenz auf 134. Die Atemmaske registriert, dass der Anteil der Fettverbrennung etwas zunimmt. Der Körper hat die schnell verfügbare Energie in den Muskeln aufgebraucht und greift jetzt mehr auf die Fettreserven zurück. »Das«, sagt Hollstein im Cart, »ist der Moment, auf den es beim Golf eigentlich ankommt. Ab hier wird die Runde stoffwechselrelevant.«
Das Ergebnis an der 18. Bahn
Am Grün der 18. Bahn kommt die Maske ab. Hollstein tippt noch ein paar Minuten auf dem iPad, dann schaut er auf. Der mittlere Kalorienverbrauch lag bei 4,25 Kilokalorien pro Minute. Das ergibt rund 820 Kilokalorien. Das entspricht, sagt er, ungefähr dem, was eine Person meines Gewichts beim gemäßigten Tennisspielen in zwei Stunden verbrennen würde. Der Mythos lebt also, zumindest grob.
Was aber wirklich überrascht, sind die anderen beiden Geräte. Der Zepp-Tracker am Handgelenk hat 1078 Kilokalorien angezeigt, etwa 31 Prozent zu viel. Der Polar-Brustgurt zeigt 2124 Kilokalorien, also knapp das Zweieinhalbfache des tatsächlichen Werts. Eine Überschätzung von 159 Prozent.
Der eigentliche Befund: Wearables lügen
»Die Herzfrequenz lügt nicht, sie lügt nur in die falsche Richtung.«
»Der Brustgurt berechnet die Kalorien über die Herzfrequenz«, sagt Hollstein. »Beim Golf treibt das Tragen der Tasche, das unebene Gelände und die mentale Anspannung bei schlechten Schlägen die Herzfrequenz immer wieder kurz in die Höhe. Dein Durchschnitt lag bei 119, in der Spitze bei 154. Für den Algorithmus sieht das aus wie eine kontinuierliche, intensive Ausdauerbelastung. Die Atemmaske zeigt aber, dass der tatsächliche metabolische Aufwand deutlich geringer ist. Die Herzfrequenz lügt nicht, sie lügt nur in die falsche Richtung.«
Das ist der eigentliche Befund des Tages. Wer seinen Kalorienverbrauch auf dem Golfplatz mit einem handelsüblichen Wearable misst und sich am 19. Loch für seinen Sport belohnt, der könnte leicht auf eine Zahl hereinfallen, die doppelt so hoch ist wie die Wirklichkeit.
Die Wahrheit liegt bei 800 bis 1000 Kilokalorien für 18 Loch, zu Fuß, mit geschulterter Tasche oder Schiebetrolley, auf einem Platz, der auch mal bergauf geht.
FAQ – Kalorienverbrauch beim Golf
Wie viele Kalorien verbrennt man beim Golfen auf 18 Loch?
Wer 18 Loch zu Fuß spielt, mit geschulterter Tasche oder Schiebetrolley und auf einem Platz mit Höhenunterschieden, verbrennt nach Messung per indirekter Kalorimetrie rund 800 bis 1000 Kilokalorien. Dieser Wert entspricht in etwa dem Kalorienverbrauch von zwei Stunden gemäßigtem Tennisspielen.
Ist Golf wirklich so efizient wie Tennis?
Für den Kalorienverbrauch gilt: Ja, zumindest grob. Der im Test gemessene Durchschnittswert von 4,25 Kilokalorien pro Minute über eine Golfrunde entspricht dem, was eine Person vergleichbaren Gewichts beim gemäßigten Tennisspielen in zwei Stunden verbrennen würde – sofern Golf zu Fuß und mit Tasche gespielt wird.
Wie genau messen Fitness-Tracker den Kalorienverbrauch beim Golf?
Handelsübliche Wearables sind beim Golf oft unzuverlässig. In einem Feldtest überschätzte ein Zepp-Handgelenktracker den tatsächlichen Verbrauch um 31 Prozent, ein Polar-Brustgurt sogar um 159 Prozent. Grund: Kurze Herzfrequenz-Spitzen durch Stress, Tragen der Tasche und unebenes Gelände werden vom Algorithmus als kontinuierliche Ausdauerbelastung interpretiert.
Was ist indirekte Kalorimetrie und warum gilt sie als Goldstandard?
Indirekte Kalorimetrie ist eine sportmedizinische Messmethode, bei der über eine Atemmaske der Gasaustausch erfasst wird – also die aufgenommene Sauerstoffmenge und das abgeatmete Kohlendioxid. Aus diesem Verhältnis lässt sich der tatsächliche Energieverbrauch in Echtzeit und sehr präzise berechnen. Sie gilt als genaueste Methode zur Kalorienerfassung unter realen Bedingungen.
Warum steigt die Herzfrequenz beim Golf auch ohne körperliche Anstrengung?
Mentale Anspannung bei schlechten Schlägen löst eine Stressreaktion aus, bei der der Körper Cortisol ausschüttet. Das treibt die Herzfrequenz kurzfristig in die Höhe, obwohl keine physische Belastung stattfindet. Dieser Effekt täuscht Fitness-Tracker und führt zur systematischen Überschätzung des Kalorienverbrauchs.
Ab wann wird eine Golfrunde stoffwechselrelevant?
Laut Stoffwechselforscher Tim Hollstein beginnt eine Golfrunde dann metabolisch relevant zu werden, wenn der Körper die schnell verfügbare Energie in den Muskeln aufgebraucht hat und verstärkt auf Fettreserven zurückgreift – im Test ab etwa Loch 12. Bei moderater, anhaltender Belastung mit Höhenunterschieden verschiebt sich das Verhältnis von Glukose- zu Fettverbrennung messbar.
Welche Rolle spielen Höhenunterschiede auf dem Golfplatz für den Kalorienverbrauch?
Bergige Partien erhöhen den Kalorienverbrauch signifikant. Im Test am Golfclub Altenhof, der teilweise auf dem Gelände einer alten Kiesgrube liegt, stieg die Sauerstoffaufnahme an steilen Löchern spürbar an und die Herzfrequenz kletterte auf bis zu 148 Schläge pro Minute. Stoffwechselforscher Hollstein bezeichnet solche Abschnitte als ‚metabolisch interessant‘.
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