Golf-Mythen Teil 4 – Beim Drive auf einer Ebene schwingen

Paul Dyer verrät im 4. Teil unserer Golf-Mythen-Serie, inwieweit es sinnvoll ist, auf einer Ebene zu schwingen. (Foto: Stefan von Stengel).4

Paul Dyer, Chef der David Leadbetter Academys in Deutschland, ist Golf-Mythen auf der Spur. Im vierten Teil unserer Serie beantwortet Paul Dyer die Frage, inwiefern es sinnvoll ist, beim Drive auf einer bestimmten Ebene zu schwingen.

– mit Paul Dyer

Am Anfang einer Unterrichtsstunde frage ich meine Schüler zunächst nach dem Grund ihres Besuchs bei mir. Leider können mir die meisten keinen spezifischen Schlag nennen, den sie gerne verbessern möchten, wie beispielsweise sicherer mit den Abschlägen oder dem Bunkerspiel werden zu wollen. Häufig werden mir technische Ideen genannt, die nicht unbedingt mit einem bestimmten Schlag verbunden sind. Besonders schwer tue ich mich allerdings mit dem häufig genannten Wunsch meiner Schüler: „Ich möchte auf der Ebene schwingen.“

Sicherlich ist es sinnvoll, eine Vorstellung davon zu haben, wie der Schläger zu führen ist. Allerdings verbessert sich dann nicht zwangsweise das Ergebnis. Zunächst sollte man herausfinden, welche Schlagart einer Verbesserung bedarf – beispielsweise Schläge mit den mittleren Eisen oder Hybriden oder Abschläge, etc. Dann sollte der Grund eruiert werden, weshalb dieser Schlag nicht beherrscht wird. Und erst dann sollte geklärt werden, ob das Schwingen auf einer spezifischen Ebene überhaupt zur Fehlerbehebung führen könnte.

Eine perfekte Ansprechposition von Paul Dyer. Der Profi für Golf-Mythen versichert, dass man sich auch vor dem Schwung und der Findung der richtigen Ebene nicht zu fürchten braucht (Foto: Stefan von Stengel).

Eine perfekte Ansprechposition von Paul Dyer. Der Profi für Golf-Mythen versichert, dass man sich auch vor dem Schwung und der Findung der „richtigen“ Ebene nicht zu fürchten braucht (Foto: Stefan von Stengel).

Insbesondere in Verbindung mit dem Driver bekomme ich von meinen Schülern zu hören, dass sie „auf der Ebene“ schwingen möchten. Daher liegt mir viel daran, speziell diesen Mythos zu lüften.

Golf-Mythos Schwungebene

So etwas wie eine Schwungebene gibt es nicht! Zumindest nicht in Form des berühmten Strichs auf dem Bildschirm Ihres Golflehrers. Bei der Videoanalyse wird häufig in der Ansprechposition am Schlägerschafft entlang eine Linie eingezeichnet, damit kontrolliert werden kann, ob auf dieser Linie zurück- und wieder durchgeschwungen wird.

Paul Dyer Golf-Mythen – Mythos zerstört.

Paul Dyer Golf-Mythen – Mythos zerstört.

Techniktraining am Bildschirm ist zweidimensional. Würden wir einen Stab mit einem Gewicht am Ende durch die Luft schwingen, würden wir niemals eine Linie sehen, sondern eine Art Ellipsenform. Daher ist es meines Erachtens Zeitverschwendung, auf einer Linie zu schwingen – die es noch nicht einmal gibt. Abgesehen davon spielen wir Golf unter stets variierenden äußeren Bedingungen und das mit unzählig verschiedenen Balllagen. Das vereinfachte Schwungkonzept der Linie ist daher nur zielführend für Anfänger als Einstiegsidee.

Hier geht’s zum Trainingsvideo:

Häufig bekomme ich zu hören: „Je mehr man auf der Linie schwingt, desto gerader schlägt man.“ Doch bei dieser Aussage gibt es ein Riesenproblem. Es ist nämlich eher umgekehrt, denn wenn man ganz genau auf so einer Linie schwingen würde, wäre ein Slice definitiv unvermeidbar – zumindest mit dem Driver. Und da die meisten Golfer unter dieser vermaledeiten Rechtskurve leiden, ist dieser Tipp brandgefährlich.

Schwungbahn – Halbkreis statt Linie

Da man sich in der Ansprechposition mit dem gesamten Körper nicht oberhalb des Balles befindet, kann der Golfschwung auch nicht als eine gerade Linie funktionieren. Beim Schlag wird der Schläger um den Körper herum geführt, wobei eine Art Halbkreis kreiert wird. Je weiter links sich der Ball in der Ansprechposition auf diesem Halbkreis befindet, desto mehr schwingt der Schlägerkopf im Moment des Treffens nach links, also nach innen! Für Spieler, die zu einem Slice neigen, ist diese Schwungrichtung für den Score tödlich.

Den Drive möchten wir in der Aufwärtsbewegung treffen. Deswegen ist es sinnvoll, dass man ihn in der Ansprechposition am linken Fuß (für Rechtshänder) aufteet. Doch zu dem Zeitpunkt befindet sich der Schlägerkopf schon auf einem Pfad von außen nach innen.

Paul Dyer zeigt, dass am Ende des Rückschwungs ein zum Ziel gekreuzter Schläger keineswegs Schaden anrichtet – im Gegenteil (Foto: Stefan von Stengel).

Daher empfehle ich, im höchsten Punkt des Aufschwungs bewusst zu kreuzen. Das Wort „kreuzen“ ist in der deutschen Trainingsdidaktik meist negativ behaftet. Wenn man sich allerdings die Spieler auf der Tour anschaut, ist im höchsten Punkt des Rückschwungs auch kein eindeutiges Schwungmuster zu erkennen. Wenn der Schläger am höchsten Punkt nach rechts zeigt, also kreuzt, wird es viel einfacher sein, im Abschwung auf einer flacheren Ebene zu schwingen. Dann verlagert sich im Durchschwung der tiefste Punkt etwas weiter in die Standmitte, was beim Drive von Vorteil ist, da der Ball mit dem Drive ja in der Aufwärtsbewegung getroffen werden soll.

Paul’s Tipp für die Schwungebene

Ich möchte keineswegs den Eindruck erwecken, dass die Schlägerposition am höchsten Punkt völlig unwichtig ist. Mit dieser Position kann viel gesteuert werden. Allerdings kann auch mit der Art und Weise des Schwungs ein Schlagergebnis verbessert werden. Sollten Sie tatsächlich Probleme damit haben, die Position des Schlägers im höchsten Punkt zu kontrollieren, empfehle ich Ihnen eine sogenannte differenzielle Übung: Aus einer guten Balllage spielen Sie fünf Bälle, indem Sie den Schläger im höchsten Punkt ganz weit nach rechts zeigen. Die nächsten fünf Bälle spielen Sie, indem Sie den Schläger ganz weit nach links zeigen lassen und beobachten, was mit der Schwungrichtung und dem Ballflug passieren. So bringe ich vielen meiner Schüler mehr Konstanz hinsichtlich der Richtungskontrolle bei. Mit dieser Übung kann auch gut das „Shapen“, also die bewusste Ballflugsteuerung, trainiert werden.

Stamp Paul Dyer Golf-Mythen.

Stamp Paul Dyer Golf-Mythen.

Paul Dyer

Geboren: Whalley/England
Nationalitäten: Dyer hat die deutsche und die englische
Wohnsitz: Eutin in Schleswig-Holstein
Familienstand: verheiratet mit Wing Han, zwei Töchter (10 und 12 Jahre alt)
Profi seit: 1991
Laufbahn: Leadbetter Master Instructor, PGA Coach Team, „Top 75 International Coaches“ von Golf Digest, Herausgeber von drei Lehr-DVDs, vier Büchern. Letzte Neuerscheinung: „Die schönsten Par 3 Bahnen Deutschlands – und wie man sie spielt“
Hobbies: „Gibt es etwas neben Golf?“
Weitere Infos: pauldyergolf.com